Veröffentlicht am Autor , Birgit Krämer

Tulpen und Pinguine: Holland an Ostern

Tulpen im Überfluss und Hochsommerwetter bescherte uns die Hirsch-Osterreise 2019.

Ostern in Holland! Wieder einmal durften unser Sohn Jan und ich meinen Mann, Reisebusfahrer Wolfgang Behrends, begleiten. Und waren sehr gespannt auf das Land von Tulpen und Gouda, Fahrrädern und Windmühlen, Coffeeshops und Schokostreuseln. Tatsächlich kannte ich bisher nur Maastricht wirklich gut, im eher untypischen südlichsten Zipfel der Niederlande. Der Rest: ein weißer Fleck auf meiner persönlichen Landkarte. Höchste Zeit, das zu ändern!

„Von nun an geht’s bergab mit Ihnen!“ Mit diesen Worten begrüßt Reiseleiterin Anna Zoch die Hirsch-Gruppe, …

… als sie in Venlo, kurz vor der niederländischen Grenze zusteigt. Stimmt natürlich: Ein Viertel dieses unglaublich flachen Landes liegt unter dem Meeresspiegel. Anna verteilt zum Einstand holländische Pfefferminzbonbons, die nach Königin Wilhelmina benannt sind, Urgroßmutter des jetzigen Königs und ganze 50 Jahre (!) auf dem Thron. Und schon waren wir mittendrin in der niederländischen Geschichte. Von dieser werden wir noch Einiges erfahren in den nächsten Tagen – außerdem allerhand über die Kultur, Lebensart und Eigenheiten der Niederländer und natürlich die wichtigsten Städte des Landes kennenlernen.

Beschauliches Zentrum der Macht: Der Rittersaal im Binnenhof.

Auftakt macht Den Haag – das kennt man als Sitz der Regierung, des Internationalen Gerichtshofs und Residenz des Königs. Erster Eindruck der City: eine eigenwillige Mischung aus Alt und Modern. Wir spazieren eine Runde um den Binnenhof, einst ein Jagdschloss, heute Parlamentsgebäude.

Das „Mädchen mit dem Perlenohrring“ ist eine echte Trendsetterin: Sie begegnet uns in Souvenirläden und Fotostudios. Wer will, kann sich in Vermeer-Verkleidung ablichten lassen.

Das klassizistische Mauritshuis nebenan beherbergt eine berühmte Kunstsammlung mit der „holländischen Mona Lisa“, Vermeers „Mädchen mit dem Perlenohrring“. Doch zurzeit ist ein anderer der Star: Malergenie Rembrandt van Rijn, gestorben 1669, dem hier (wie auch im Amsterdamer Reichsmuseum) eine Jubiläumsausstellung gewidmet ist.

Wir umkreisen das große Wasserbassin. Dort, in dem hübschen Türmchen, hat der Ministerpräsident sein Büro. Hin und wieder soll er mit dem Fahrrad herkommen. Schon nach diesem kurzen Gang staunen wir über die Vielfalt der Fahrräder, die man auf den Straßen so sieht: klassische Hollandräder, Lastenräder aller Art, Räder mit dekorativen Blumenkästen vornedran, Kindertransporter, Räder mit vier oder mehr Satteln für ganze Familien (wie heißt wohl ein „Tandem“ für vier?). Und keiner trägt hier Fahrradhelm. Das fällt Jan gleich auf.

Wilhelm der Schweiger hat König Alexander gut im Blick.

Durch elegante Geschäftsstraßen, in denen sogar die Straßenlaternen Kronen tragen, spazieren wir zum Schloss, dem Arbeitsplatz des heutigen Königs. Davor sitzt Wilhelm von Oranien, der „Vater des Vaterlandes“ hoch zu Ross. Der nabelte sich im 16. Jh. von Spanien ab und machte den Jagdsitz „`s Gravenhage“ zum Regierungssitz der protestantischen Niederlande.

Typisch holländisch: Hier hat man es gern „gesellig“!

Weiter geht es durch sympathische Gassen und nette Kneipenviertel zum Oude Stadhuis und in die noble, glasüberdachte Haagse Passage. Kaffeepäuschen! Für ein „koppje koffie“ ist immer Zeit, haben wir von Anna gelernt, selbst abends sei das üblich. Und wen treffen Jan und ich im Lokal? Königin, pardon: Prinzessin Beatrix!

Leider nur aus Pappe steht  Majestät für Selfies bereit.

Unser Hotel in Alphen aan den Rijn, mittendrin im grünen Herzen des Landes, hält eine Überraschung bereit, denn es liegt im Vogelpark Avifauna. Die Straußen kommen bis an die Balkons – und nach dem Abendessen gehen wir noch die Pinguine, Flamingos, Pelikane, Papageien und die schneeweißen Pfauen angucken.

Zum Glück keine direkten Nachbarn: die Pinguine (stinken ganz schön).

2. Tag: Muss man gesehen haben: Amsterdam

Wolfgang putzt schon früh Busscheiben, daher frühstücken Jan und ich alleine holländische Spezialitäten: weiche Brötchen mit „Pindakaas“ (Erdnuss­butter) und Schokostreuseln aller Art. Heute geht es nach Amsterdam, in die größte Pfahlbausiedlung der Welt. Anna klärt auf, dass „Holland“ (was streng genommen ja nur einen Teil der Niederlande, nämlich die Provinzen Nord- und Südholland,  meint) sich von „Holzland“ herleitet: Die früher ausgedehnten Wälder sind für die Fundamente Amsterdams und für den Schiffbau draufgegangen. „Wasserland“ würde eindeutig besser passen! Versteht sich, dass wir die Stadt der Brücken und Kanäle zuerst einmal vom Wasser aus auf uns wirken lassen.

Bei herrlichem Sonnenschein starten wir zur Bootstour durch den Grachtengürtel um die Altstadt, zwischen der Amstel und dem einstigen Meeresarm Ij, wo neue Szeneviertel wachsen. Auf 9.000 Pfählen steht der moderne Bahnhof, davor Parkgelegenheiten für sicher ebenso viele Fahrräder. Im alten Hafen dümpelt ein chinesisches Pagodenrestaurant und erinnert an die Zeiten der Ostindischen Compagnie. Wir genießen die gemütliche Fahrt. Die dekorativen Giebel der Backsteinhäuser spiegeln sich im Wasser. Einmal kann man unter neun Brückenbögen aufs Mal durchgucken. Jan interessiert sich vor allem für die fantasievoll gestalteten Hausboote, die wir antreffen.

„Venedig des Nordens“ – liest man überall. Mich nervt das. Auch Stockholm, Hamburg, Kopenhagen, sogar St. Petersburg werden ja gerne so tituliert. Gemeinsamkeiten sind zweifellos die vielen Touristen und die sommerlichen Temperaturen, die uns beim Stadtrundgang den Schatten suchen lassen. Anna führt uns durch die Shoppingmeile Kalverstraat (wo Jan mehrere höchst spannende Sportschuhgeschäfte ausmacht) zum mittelalterlichen Beginenhof. Ein ruhiges Fleckchen in der betriebsamen Stadt.

Anna erzählt von der Beginenbewegung – und wie die Reformation ihr ein Ende bereitete.
Der Beginenhof ist auch heute eine beliebte Wohnadresse.

Der Dam, der historische Marktplatz wird ganz vom Königspalast beherrscht, früher der ganze Stolz der Bürgerschaft. Wir hören vom Goldenen Jahrhundert und von der sprichwörtlichen Toleranz unserer Tage. In der Nieuwe Kerk nebenan legte Wilhelm Alexander 2013 seinen Amtseid ab. In schmalen Gässchen dahinter weht uns der Geruch der Coffeeshops an.

Am Börsenplatz werden wir in die Freizeit entlassen. Einige Hirsch-Gäste zieht es ins Reichsmuseum, andere wollen lieber entspannt flanieren. Eine klitzekleine Runde drehen wir durchs nahe Amüsierviertel – glücklicherweise sind am Karfreitagmittag die meisten „Schaufenster“ noch nicht besetzt. Eine deutsche Frauengruppe mit Hasenohren, offensichtlich auf Junggesellinnenabschied, amüsiert sich lautstark vor den Auslagen eines Sexshops. Das reicht uns als Eindruck. Jan will lieber das Turnschuh-Angebot in der Kalverstraat studieren, was wir ausführlich tun. Etwas Kultur muss aber doch sein: Wir entscheiden uns für das Museums-Hausboot an der Prinzengracht. Sehr nett. Auf solch einem Schiff will mein Sohn unbedingt einmal wohnen – Seemannsblut hat er ja von der ostfriesischen Vaterseite her.

Hausboot zum Anschauen   

In den unzähligen kleinen Lokalen an den Straßen oder am Wasser herrscht viel Betrieb. An einer kleinen Seitengracht unweit des Anne Frank-Hauses ergattern wir Plätze und stärken uns mit Blick auf die vorbeischippernde Boote mit Gouda-Käsewürfeln und „Poffertjes“, den typischen Mini-Pfannkuchen. Eine äußerst entspannte Stadt, finde ich (wenn man sich nicht in die Museumsschlangen einzureihen braucht). Nun müssen wir aber rennen, um unseren Bus am Reichsmuseum rechtzeitig zu treffen …

Rechts am Wasser unser Lokal

3. Tag: Blaue Kacheln und bunte Blumen

Ein Kontrastprogramm nach Big Amsterdam bietet das kleinstädtisch-idyllische Delft. Auch hier schöne Kaufmannshäuser, Grachten, hübsche Plätze. Der Handel und das berühmte blau bemalte Porzellan brachten Wohlstand.

Wir besuchen die Oude Kerk mit dem Grab des Malers Vermeer und die spätgotische Nieuwe Kerk, Grabeskirche des Königshauses. Die größte Attraktion ist das Renaissance-Prunkgrab von Wilhelm von Oranien; eine Filmdokumentation zeigt Aufnahmen der Bestattung von Prinz Claus 2002. Während Anna mit der Hirsch-Gruppe noch bei einem Porzellanmaler vorbeischaut, bummeln Jan und ich über den Flohmarkt und den schönen Wochenmarkt, kaufen Lakritz und Pindekaas und Jenever als Mitbringsel.

Für unsere Mittagspause hat sich unser Hirsch-Team eine Überraschung ausgedacht: einen Ausflug an den Strand von Katwijk. Das Thermometer zeigt 28°C! Die Nordsee kommt da noch nicht mit. Doch wenigstens mit den Füßen wollen wir rein, wenn wir schonmal da sind! Das Wasser ist „so kalt, dass es weh tut“, so Jan. Äußerst lecker: Fish & Chips an der Strandbude!

Und nun zum Tulpenwahnsinn: Anna erzählt und im Bus, wie im 17. Jahrhundert die noch recht neumodischen Tulpen in den Niederlanden einen wahren Goldrausch entfachten. Menschen versetzten ihr gesamtes Vermögen für Tulpenzwiebeln, ruinierten sich bei Spekulationen – bis irgendwann die Blase platzte. Und  offenbar grassiert der Tulpenwahnsinn noch heute: 1,5 Millionen Besucher sollten in dieser nur 8-wöchigen Saison 2019 in den Keukenhof kommen! Der hat schon lange nichts mehr von einem königlichen Küchengarten. So einen riesigen Busparkplatz habe ich jedenfalls noch nie gesehen. An diesem Ostersamstag ist zum Teil kein Vorwärtskommen. Jan und ich spazieren eine Weile herum, betrachten Blumen und amüsieren uns über die Selfie-Touristen aus aller Welt: Deren Gebaren findet unser Sohn viel interessanter als den Garten. Wir setzen uns unter einen Baum und beobachten Leute.  Als Feen verkleidete junge Französinnen posieren mit Blumenkränzchen im Haar. Indische Großfamilien in bunten Gewändern ziehen vorbei. Chinesen stürzen mit ihren Selfie-Sticks fast in die Beete und verrenken sich bei komischen Foto-Gesten.

Die Zeitung berichtet einige Wochen später, dass Selfie-Touristen für die Blumenschau ein echtes Problem geworden seien und etliche die Pflanzungen plattgemacht hätten. Die niedrigen Absperrungen funktionieren nicht. Der Park sucht nun nach anderen Lösungen.

Wir genießen aus dem Busfenster heraus die Blicke auf leuchtende Tulpenfelder, die humorvollen Geschichten unserer Reiseleiterin und am Abend das große Buffet im Hotel-Restaurant. Vom Balkon aus beobachten uns dabei zwei ganz besondere Besucher.

4. Tag: Am Rheinkilometer 1007

Ostersonntag! Und der Osterhase hat tatsächlich den Weg in unseren Bus gefunden …

Die letzte Station unserer Reise ist Rotterdam – eine Stadt für Design- und Architekturfans! Mit einer eindrucksvollen Skyline, die ständig wächst, markanten Brücken und einer gigantischen, futuristischen Markthalle. Die Kubushäuser aus den 80er-Jahren scheinen über der Straße durcheinanderzupurzeln. 1940 legte die deutsche Luftwaffe die Altstadt in Schutt und Asche. Seither ist Rotterdam radikal modern. Anna nutzt die Gelegenheit zu einem Exkurs über das deutsch-niederländische Verhältnis seit jenen Kriegsjahren.

Wahrzeichen der Stadt: die Erasmusbrücke über die Maas

Dann gehen wir an Bord eines Ausflugsschiffes: Auf zur Hafenrundfahrt im größten Seehafen Europas! Vorbei an historischen Windmühlen und modernen Containerterminals passieren wir schließlich den Rheinkilometer 1007. Heute Abend wird unsere Reise in Karlsruhe bei Rheinkilometer 362 enden. Auf das „smackelige Appelgeback“ an Bord verzichtet Jan dann doch – später werden wir noch in ein schönes Pfannkuchen-Restaurant einkehren. Und für die Erwachsenen gibt es einen Genever-Umtrunk am Bus! Frohe Ostern!