„Sie sind nur wegen Christo gekommen?“

Diese Frage wurde meinem Mann und mir zwei Mal von Mitarbeitern des Hotels gestellt, in dem wir vergangenen Donnerstag für eine Nacht in Paris logierten. „Bien sûr!“ war unsere ehrliche Antwort. Zum ersten Mal nach Covid sei in der Stadt richtig viel los, berichtet man im Hotel. Zurück zur Normalität mit all ihren Anforderungen, ergänzen wir in unseren Köpfen. Trotz Mund-Nasen-Schutz ist auch in den Gesichtern dieser Pariser zu sehen, dass sie gezeichnet sind von 1 ½ harten Jahren des Stillstands. Sie sind ernst, müde doch konzentriert und froh, endlich wieder ihrer Arbeit nachgehen zu können: Gästen aus dem In- und Ausland eine gute Zeit in der französischen Hauptstadt zu bereiten! Trotzdem wurden wir gefragt, warum so viele Deutsche da seien? „Weil die Deutschen Frankreich und die Franzosen lieben – und wegen Christo natürlich“.

Gesagt, getan spazierten wir zur Place Charles-de-Gaulle – Étoile, um uns selbst ein Bild zu machen. Wer empfänglich ist für derlei Inszenierungen, hat seinen Spaß. Wer aber von der Großzügigkeit der Kunst weiß und mit zumindest einer Überraschung im Angesicht von Christos und Jean Claudes Werken gerechnet hat, wird in Paris noch bis zum 3. Oktober reich belohnt. Der Anblick war grandios! Dass man so etwas Schönes, Monumentales und zugleich Poetisches nach der langen Zeit der Entbehrungen sehen darf, ist ein großartiges Geschenk. Man kann dem verstorbenen Künstlerpaar nicht genug Anerkennung zollen, so hartnäckig an dieser phänomenalen Idee festgehalten zu haben. Obwohl der Zeitpunkt der Verhüllung anders geplant war und Christo die Verwirklichung nur ganz knapp nicht mehr erlebt hat, ist es vom heutigen Stand der Dinge gut so. Ein Zeichen für die Größe künstlerischer Ideen und Wirkungen und ein Zeichen dafür, dass die Kunst größer ist als der Tod.

Als ich das ehrwürdige Denkmal so verhüllt da stehen sah, war eigentlich einer meiner ersten Gedanken, was für ein Spektakel es wohl wäre, wenn er langsam in Bewegung geräte, der Arc, und mit dröhnenden, stampfenden Schritten aus der Stadt spazieren könnte, samt der großen mit dem Blut tausender Soldaten geschriebenen Geschichte? Das kann er leider nicht. Aber hinter seiner Hülle kann er sich zumindest für einige Tage ausruhen vom Erzählen und Repräsentieren.

Am Abend nahmen wir einen Imbiss auf einer Terrasse über den Dächern von Paris mit Blick auf den Arc de Triomphe, was in unserer kleinen Gruppe helles Entzücken auslöste. Auf die Frage an die Kellnerin, wie ihr das Kunstwerk gefalle, das sie von ihrem Arbeitsplatz aus im Auge hat, bekamen wir eine interessante Antwort. Ja, es sei schön. Ihr haben aber die Vorbereitungen besonders gefallen, mit den vielen Arbeitern, das Aufstellen des Gerüsts und das Herunterrollen des Stoffs. Sie hätte sich mehr Farben gewünscht, zum Beispiel das Blau-Weiß-Rot der Trikolore.

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