Veröffentlicht am Autor , Birgit Krämer

Aachen – Lüttich – Maastricht: Willkommen im Dreiländereck!

Aachen, die erste deutsche Stadt im Alphabet, liegt etwas „ab vom Schuss“ im westlichsten Zipfel des Landes – aber mitten in Europa. Darum schauen wir auf unserer Hirsch Reise auch bei den Nachbarn im Dreiländereck vorbei, entdecken die wunderschöne niederländische Unistadt Maastricht und lassen uns vom belgischen Liège so richtig überraschen! Ende Juli ist es wieder soweit …

Karl der Große auf den Flaggen am Aachener Rathaus im Jubiläumsjahr 2014. Auch auf dieser Reise spielt er eine Hauptrolle.

 

Der Papst hat ihn. Angela Merkel hat ihn. Und seit dem Himmelfahrtstag 2018 auch Emmanuel Macron: den Internationalen Karlspreis der Stadt Aachen. Verliehen wird er seit 1950 für besondere Verdienste um Europa. Karl der Große als „Vater Europas“ – das ist allerdings eine sehr moderne Auffassung.

Europa war zur Zeit des großen Frankenherrschers, vor mehr als 1400 Jahren, kein Begriff. Sein riesiges Reich, das er von den Pyrenäen bis zur Nordsee ausgedehnt hatte, hielt Karl der Große durch unablässige Kriege zusammen, nur in zwei seiner 46 Regierungsjahre führte er keine Feldzüge. Er galt als brutaler Krieger. Und als Schützer des Glaubens und des Papsttums. Als bedeutender Reformer, Förderer von Bildung und Wissenschaft. Als Lebemann, der mit seinen zahlreichen Ehefrauen und Konkubinen mindestens 18 Kinder zeugte. Jede Zeit hat sich „ihren Karl“ geschaffen: Sein Biograph Einhard verklärte ihn zum idealen Herrscher, in dessen Nachfolge sich spätere Kaiser gern inszenierten: Barbarossa ließ ihn heiligsprechen, Napoleon erklärte: „Je suis Charlemagne!“ Andere sahen in ihm den Sachsenschlächter. Heute also der Vater Europas.

„Mein Karl“ hieß ein Kunstprojekt im Jubiläumsjahr 2014. Unzählige Karlsfiguren schmücken seitdem Aachener Schaufenster, Hotellobbys und andere Orte.


1. Tag: Die Aachener Brunnen

In unserem Hirsch Reisebus fahren wir bequem durch die Pfalz, den Hunsrück und die Eifel, wo Vulkankegel die Autobahn säumen. Wie war das Reisen in früheren Zeiten? Kreuz und quer zog Karl der Große während seiner Regierungszeit durch sein riesiges Reich, als Herr und Richter. Ein halbes Leben im Sattel. In seinem Gefolge 1000 Menschen. Der Tross bewegte sich von Pfalz zu Pfalz, über 100 standen bereit, etwa in Ingelheim und Sinzig am Rhein, wo die Kaiser Station machten auf ihrem Weg von der Wahl in Frankfurt zum Krönungsort Aachen.

Bauwerke aus karolingischer Zeit rar. Aber in Aachen bestimmt Karls Kaiserpfalz noch immer die Altstadt. Hier war das Zentrum. Hier verbrachte er die Winter und die letzten Jahre seines Lebens. Hier starb er 814. Und offenbar kam in Aachen ohne ihn nichts  zustande: Der Legende nach soll er sogar die Printen erfunden und die heißen Quellen entdeckt haben!

Natürlich waren die schwefelhaltigen Quellen schon den badefreudigen Römern bekannt, die von weither nach „Aquis Granni“ anreisten. Brunnen sind in dieser Stadt, die das Wasser im Namen trägt, allgegenwärtig – in der Altstadt trifft man alle paar Schritte auf einen. Nach einem verheerenden Stadtbrand im 17. Jh. wurde Aachen zum modernsten Badeort Europas ausgebaut und bei gekrönten Häuptern aus aller Welt beliebt: „Was das Feuer zerstört hat, baut das Wasser wieder auf“, so hieß es. Ein paar Beispiele für Aachener Brunnen:

Schwefelgeruch unter Kolonnaden: Unser Stadtrundgang beginnt am eleganten Elisenbrunnen, wo man das Wasser der Kaiserquelle probieren kann.
Die beweglichen Figuren des Puppenbrunnens erzählen Stadtgeschichte von den Römern bis zur Exzellenz-Uni RWTH und dem Öscher Karneval. Eine Modepuppe im Rüschenkleid steht für die einst so bedeutsame Textil- und Nadelindustrie – noch vor 100 Jahren kam jede 2. Nadel aus Aachen!
Der unheimliche Bahkav bewacht die Büchelquelle. Hier befand sich die Römertherme und gleich um die Ecke die kaiserliche Badeanstalt, in der Karl der Große zu relaxen pflegte.
Printen haben hier zu jeder Jahreszeit Saison! Das Printenmädchen begrüßt die Gäste der berühmten Alt-Aachener Café-Stuben.
Typisch Aachen: In der regenreichsten Stadt Deutschlands darf ein Regenschirm-Brunnen nicht fehlen.
Eine Aachener Berühmtheit: Das Fischpüddelchen sorgte 1911 für einen handfesten Skandal!

 

Was von Karl  übrigblieb: Dom und Domschatz

In der überschaubaren Aachener Altstadt kann man sich leicht orientieren. Im Sommer finde ich die vielen kleinen und großen Plätze mit den Cafés und Lokalen ganz wunderbar. Für die Mittagspause kann sich jeder den schönsten aussuchen. Anschließend tauchen wir ein in die Welt Karls des Großen: Vor dem gotischen Rathaus, errichtet auf den Grundmauern der „Aula Regia“ des Kaiserpalastes grüßt der Frankenkaiser als Brunnenfigur.

An der Rathaus-Fassade stehen 50 Herrscher des Hl. Römischen Reichs stramm, von denen 30 in Aachen gekrönt wurden.
Das Karls-Monogramm weist den Weg auf der „Route Charlemagne“. Karl war hoch gebildet und führte eine einheitliche Schrift ein, doch schreiben lernte er selbst nie. Er setzte lediglich den goldenen Strich in der Mitte.

 

Das ganze Areal von Dom bis Rathaus gehörte zur mächtigen Kaiserpfalz, um die sich die Stadt entwickelte. Wo einst Karls Hofschule Gelehrsamkeit verbreitete, übt heute der Domchor. Wie die Pilger des Mittelalters blicken wir auf zu den Galerien des Doms, wo alle sieben Jahre ein sagenhafter Reliquienschatz präsentiert wurde: die Windeln des Jesuleins, das Lendentuch Christi, das Kleid der Maria. Karl selbst hatte die Textilien für seine Pfalzkapelle beschafft, die heute in den Dom integriert ist: das berühmte Oktogon. Zu seiner Entstehungszeit der höchste Bau nördlich der Alpen. Bis heute nennt man in Frankreich die Stadt danach: „Aix-la-Chapelle“. Wir bewundern den Barbarossaleuchter, den goldenen Karlsschrein und werden vom Domführer in die Geheimnisse um den merkwürdigen Thron Karls des Großen eingeweiht. Natürlich waren die Aachener beim Dombau mit dem Teufel im Bunde …

Blick auf den Aachener Dom. „Glashaus“ wird der hochgotische Chor genannt.
Frisch restauriert: Karls Oktogon im Zentrum des Doms

Nun betreten wir die Hochsicherheitszone: Durch dicke, gepanzerte Türen gelangen wir ins Halbdunkel der Domschatzkammer. Sie beherbergt u.a. das über 1000 Jahre alte, edelsteinbesetzte Lotharkreuz und die weltberühmte silberne Karlsbüste, die man bei Krönungsfeierlichkeiten jedem Herrscher zum Empfang entgegentrug, damit er die im Inneren verborgene kaiserliche Schädeldecke küssen konnte. Kaum zu glauben: die abenteuerliche Geschichte des antiken Proserpina-Sarkophags, der ersten Ruhestätte Karls, die ein wahre Odyssee hinter sich hat.

Viele Eindrücke für den ersten Tag! Zeit, unsere Hotelzimmer zu beziehen und am freien Abend vielleicht noch ein Gläschen vor der Kulisse des Rathauses zu trinken

 

2. Tag: Ausflug ins wallonische Lüttich

Heute geht es ins nahe Belgien – mit dem die Aachener derzeit so ihre Probleme haben, denn Belgien zögert die Silllegung einiger grenznaher, als marode geltender Kernkraftwerke seit Jahren hinaus. Lüttich (Liège), die Hauptstadt der französischsprachigen Wallonie liegt an der Maas. Einst Zentrum der belgischen Kohle- und Stahlindustrie und mit deren Niedergang schwer gebeutelt, hat sich Lüttich inzwischen komplett gewandelt: Die alte Bischofs- und Industriestadt hat allen Kohlestaub abgewaschen und erfindet sich neu – für die meisten unserer Gäste eine echte Überraschung! Die Oper und viele Altstadthäuser sind frisch restauriert, der futuristische TGV-Bahnhof begeistert Architekturfans, Jahr für Jahr eröffnen hier neue Museen.

Blick von der Zitadelle, vorne die romanische Kirche St. Barthélémy. Hier beginnt unser Stadtrundgang.

 

Die Fürstbischöfe bestimmten jahrhundertelang die Geschicke Lüttichs. Auch Aachen gehörte früher zu diesem Bistum. Kirchen und Klöster säumen unseren Stadtspaziergang. In einige sind inzwischen Museen oder Hotels eingezogen. Die Kathedrale selbst fiel der Französischen Revolution zum Opfer.

Lütticher Arbeiter erheben sich gegen den Klerus. Skulptur vor St. Barthélémy (Ausschnitt)
Einer der größten Schätze Belgiens: das kunstvolle Messingtaufbecken aus dem frühen 12. Jahrhundert, das komplexe theologische Deutungen zulässt.
Im malerischen Viertel „Hors Château“ zu Füßen der Zitadelle gibt es jede Menge lauschige Gässchen.
Und die berühmteste Treppe der Stadt.

Die Bueren-Treppe wurde für Soldaten angelegt, damit sie auf direktem, sicheren Weg die Kaserne in der Zitadelle über der Stadt erreichen konnten. Hin und wieder wagen sich Hirsch-Gäste hinauf zum fantastischen Ausblick.

Renaissance vom Feinsten: Arkaden-Innenhof des fürstbischöflichen Palastes an der Place St-Lambert
Der berühmteste Sohn Lüttichs: Georges Simenon. Der Platz hinter dem Rathaus, auf dem er sitzt, wurde nach seinem legendären Kommissar Maigret benannt.
Und eine weitere Figur ist allgegenwärtig: der trinkfeste Tschantchès aus dem volkstümlichen Viertel Outre-Meuse, eine Figur des Marionettentheaters.
Auch den Marktbrunnen zieren Marionetten.

Lüttich ist für seine gute, herzhafte Küche bekannt – wir testen sie beim gemeinsamen Mittagessen in einem traditionellen Lokal am Marktplatz, dazu ein belgisches Bier und zum Nachtisch die lokale Variante des Eiskaffees, Café liégeois, mit einem Schuss „Pékèt“ (Wacholderschnaps oder -likör).

Unser Stammlokal „As Ouhès“ am Marktplatz. Hier gibt es die typischen „boulets“, Fleischklöße mit Rosinensoße und „Frites“.
Machte in Paris Karriere: Komponist Grétry aus Lüttich. Seine Statue vor der Opéra Royale de Wallonie.

Danach spazieren wir vorbei an der frisch restaurierten Oper ins Einkaufs- und Studentenviertel „Le Carré“, bewundern in der (heutigen) Kathedrale die ausdrucksstarken Figuren des Barockbildhauers Jean Delcour und in der Kirche St. Jacques – meine Lieblingskirche – die unvergleichlichen, reich verzierten spätgotischen Netzgewölbe.

Zum Schluss ein Blick auf Lüttichs neuestes Architektur-Highlight: der futuristische Calatrava-Bahnhof, hier leider bei trübem Wetter.

 

3. Tag: Attraktiv und geschäftig – Maastricht

Es geht nach Holland!

 

Denken Sie bei Maastricht auch gleich an die Euro-Verträge? Oder fällt Ihnen André Rieu ein, vielleicht der populärste Botschafter „seiner“ Stadt. Maastricht in der südlichsten niederländischen Provinz Limburg ist eine sehr attraktive, lebendige Universitätsstadt voller historischer Bauwerke. In den schönen Fußgängerzonen und auf den einladenden Plätzen ist samstags viel los.

Die Römer schlugen einst eine Brücke über die Maas, daher der Name (lat. „Mosae traiectum“). Bis heute zeugt der Liebfrauenwall von den Wehranlagen der bedeutenden Festung. Unser Rundgang folgt erst einmal dieser Stadtmauer, führt dann zur mittelalterlichen Bischofsmühle: Der Geruch nach frischem Gebäck kündigt sie schon an. Hier wird noch immer gemahlen und gebacken – das angeschlossene Café serviert die köstlichen Limburger „Vlaai“ (Hefekuchen mit Obst).

Die Bischofsmühle in Maastrichts Altstadt mahlt noch immer.
Dominikaner-Buchhandlung in Maastricht

 

Über den lauschigen Liebfrauenplatz mit der wehrhaften Liebfrauenkirche folgen wir dem römischen Schachbrettmuster der Altstadtstraßen bis zum weiten Marktplatz, auf dem jeden Tag der Woche Markt abgehalten wird. In der Mitte, frei stehend das barocke Rathaus aus grau-blauem Stein von Namur. Dieses erlesene Baumaterial begegnet uns – wie auch schon in Lüttich – überall in der Altstadt: Typisch für den „Maasland-Stil“ sind die Lagen aus rötlichem Sand-oder Backstein, die mit dem teuren Blaustein  abwechseln. Ein besonderer Ort ist die ehemalige Dominikanerkirche: Heute beherbergt sie eine Buchhandlung, die schon einmal zur schönsten der Welt gewählt wurde, nebst Café.

„Gute Stube“ der Stadt ist der Vrijthof – ja, eigentlich war das ein Friedhof, auf dem schon der Heilige Servatius bestattet wurde. Dieser frühchristliche Prediger und Wundertäter (und Eisheilige!) machte Maastricht einst berühmt und legte den Grundstein für ein florierendes Pilgerwesen. Verehrt von den Karolingern, auch von Einhard, wurde seine Kirche später auch von den deutschen Kaisern stets gefördert – und so wundert es nicht, das die mächtige Servatius-Basilika stark an die Kaiserdome am Rhein erinnert.

Vrijthof in Maastricht mit St. Jans-Kirche und Servatius-Basilika

Hier besuchen wir die Schatzkammer mit dem goldenen Servatiusschrein – genannt „Notkist“ –, der in Stunden der Not und Gefahr durch die Straßen getragen wurde, mit dem kostbaren Schlüssel zum Himmelreich, den der Heilige von Petrus persönlich empfangen haben soll, als Warnung vor heranrückenden feindlichen Horden in der Völkerwanderungszeit.

Der berühmte Servatius-Schlüssel in der Schatzkammer. In der Stadt findet man ihn auch auf Trafokästen (unten).

Nun ist Zeit für ein „koppje koffie“ (mein Lieblingsort: der Liebfrauenplatz), für einen Shopping- oder Schaufensterbummel oder einen Spaziergang im Stadtpark zwischen den Festungsmauern. Nachmittags geht es zurück nach Aachen.

Maastricht im WM-Fieber (das war 2014!)

 

Vom Aachener Frieden zum Internationalen Karlspreis: das Aachener Rathaus

Ein Blick ins Aachener Rathaus muss auch noch sein: Hier wurde im 18. Jh. der Aachener Frieden geschlossenen, der den Österreichischen Erbfolgekrieg beendete, in den Prunksälen sollten die Diplomaten aus ganz Europa zusammenkommen. Höhepunkt ist der fantastischen, zweischiffige „Krönungssaal“ (eigentlich Karls Palastaula), in dem neulich Präsident Macron den Karlspreis entgegennahm. Die wunderbaren Karlsfresken konnten trotz der Zerstörungen des 2. Weltkriegs gerettet werden: Karl, der die Sachsen und deren Anführer Widukind unterwirft und das Heiligtum Irminsul zerstört. Karl, der die Stadt Cordoba einnimmt – eine Geschichte, die ins Reich der Legenden zu verweisen ist. Ebenso die Szene, wie Otto III. im Jahr 1000 das Grab Karls öffnen lässt, wo ihn der tote Kaiser in voller Pracht erwartet.

Es gäbe noch so viel zu erzählen von Karls Frauen, von seinem weißen Elefant, von Roland und dem Wunderhorn Olifant … –  doch nun wollen wir den letzten Abend genießen:

Aachens ältestes Restaurant, der Postwagen, ist gleich ans Rathaus angebaut. Hier essen wir am letzten Abend Rheinischen Sauerbraten.

 

4. Tag: Karls Nachleben: Kornelimünster

Auf der Rückfahrt unternehmen wir noch einen kleinen Abstecher vor die Tore Aachens: Im Flusstal der Inde liegt der hübsche Ort Kornelimünster ringsum die ehemalige Abteikirche. 814 gründete Karls Sohn Ludwig der Fromme ein Reformkloster, holte den bedeutenden Abt Benedikt von Aniane aus Frankreich, unterstützte es mit wertvollen Reliquien aus Aachener Beständen, so dass auch nach Kornelimünster Heiligtumsfahrten einsetzen. Hier ist die Rede von Karls Nachkommen, die das mächtige Reich nicht lange zu halten vermochten, vom zerrütteten Verhältnis zu den Söhnen und von Ludwig, der – obwohl er sich alle Mühe gab, den Ruf Karls nicht dauerhaft schädigen konnte.

Auch die Kirche von Kornelimünster hat ein Oktogon und Balkone, um die Reliquien zu zeigen. Hier während des historischen Jahrmarkts.

 

Letzter Halt zur Mittagspause am Rand der Eifel: Das Mittelalterstädtchen Ahrweiler mit seiner gewaltigen Stadtmauer ist Ziel vieler Tagesausflügler. Wer will, kostet den berühmten Rotwein von der Ahr – oder „Apollinaris“, das im 19. Jh. das benachbarte Bad Neuenahr zur Kurstadt machte. Jetzt heißt es: Entspannen! – nach vier Tagen, drei Städten, einem großen Kaiser und vielen Eindrücken und Geschichten.

Laurentiuskirche im Rotweinstädtchen Ahrweiler