Veröffentlicht am Autor , Stefan Simonis

Ludwigs Schlösser

Über Pfingsten bin ich endlich das erste Mal zu Deutschlands vermutlich meistfotografierter Sehenswürdigkeit gereist – Schloss Neuschwanstein. Hirsch ist ja auch schon etliche Male da gewesen, und zu den Passionsspielen in Oberammergau ist man zumindest in der Gegend. Landschaft wie eine Fototapete, und massenweise Japaner – so meine Vorstellungen. Aber der Reihe nach:

Erstes Etappenziel an Pfingstsamstag war eine Kamelfarm (!) irgendwo hinter Nesselwang. Dank eines geschenkten Gutscheins wurden meine Frau und ich hier auf hohem Kamelrücken durchs idyllische Allgäu geführt.  Bei mir als ungeübtem Reiter begannen folgerichtig gleich nach Ende der Stunde verkrampften Festklammerns die Schmerzen. Aber die Landschaft war toll!

Am Abend erreichten wir das Hirsch-Hotel: Schlosshotel Lisl, im Tal zwischen den Schlössern Hohenschwangau und Neuschwanstein gelegen. Das Zimmer war geräumig und hatte Charme, die Dielen knarrten unter dem Teppich, König Ludwig II. hing über dem Bett, vom hölzernen Fensterbrett blätterte die Farbe und vor dem Fenster  breiteten sich Berg und Wald aus. Das Badezimmer war komplett neu, und die Nacht war so ruhig, dass man es als südtangentengewohnter Mühlburger schon fast als störend empfand.

Frühstück gab es mit Blick auf Schloss Neuschwanstein, gegen die aufgehende Sonne nur als Silhouette zu erkennen.  Pünktlich um 8 Uhr sicherten wir uns, ohne Schlange stehen, die Tickets für die Schlössertour – erste Führung 11 Uhr Neuschwanstein. Zu Fuß machten wir uns an den angeblich 40minütigen Aufstieg durch den Wald, gemeinsam mit zähen Japanern und schnaufenden Amerikanern. Schon nach einer knappen halben Stunde standen wir zu Füßen des Schlosses, direkt empfangen von der Digitalanzeige der Führungen. Es machte uns etwas stutzig, dass da die Führungen 403-405 angezeigt wurden, während auf unserer Eintrittskarte die Führungsnummer 138 angegeben war. Auf den zweiten Blick des Rätsels Lösung, ich hatte die Eintrittskarten vertauscht – wir sollten um 11 Uhr in Hohenschwangau sein, und erst um 13 Uhr in Neuschwanstein. Falsches Schloss und stöhnende Mitreisende (mein Schwager nebst Freundin). Also wieder runter ins Tal und auf der anderen Seite hinauf. Gott sei Dank waren wir relativ früh aufgebrochen, so dass noch ausreichend Zeit war, vor der Führung die kleinen Gärten des Schlosses zu durchschlendern, wo babylonisches Sprachgewirr herrschte – binnen Minuten hörte man bayrisch, elsässisch, schwäbisch, sächsisch, englisch, japanisch, französisch, russisch. Das Einlasssystem war perfekt und funktionierte ohne einen einzigen Mitarbeiter. Alle fünf Minuten wurden die drei Drehkreuze für eine weitere Führung freigeschaltet, alles dokumentiert und gesteuert mittels Digitalanzeige. Faszinierend.

Im Schloss selbst genauso – die verschiedenen Führungen wurden auf ausgeklügelten Wegen umeinander herum geleitet, so dass es nirgends zu Schlangen kam. Die Führung selbst war nicht übertrieben tiefgründig, in 35 Minuten war die Besichtigung abgehandelt. Leicht irre schien Ludwig II. schon, aber die Aussicht auf die umgebende Landschaft war auch wirklich berauschend. Die Inneneinrichtung der verschiedenen Räume ist angeblich komplett original und teilweise bis an die Schmerzgrenze kitschig. Wer´s mag.

Neuschwanstein

Anschließend wieder die Treppen hinunter ins Tal (nur gut dass unser Hotel so günstig lag – für eine kurze Stärkung im Hotelzimmer blieb Zeit) und die bekannte Strecke wieder hinauf. Natürlich wären auch Kutschen oder sogar ein Bus gefahren, aber nicht mit uns. Im Schloss dasselbe System wie gegenüber, perfekte Organisation der Touristenströme, recht oberflächliche Führung, abgefahrene Räumlichkeiten (wie eine künstliche Tropfsteinhöhle). Und nach einer halben Stunde war man wieder draußen im Sonnenlicht, natürlich nicht ohne zuvor durch den Museumsladen geleitet worden zu sein. Mit einem kleinen Schlenker über die Marienbrücke (nichts für Menschen mit Höhenangst) wanderten wir wieder zu Tale. Besondere Attraktion hierbei war ein junges russisches Pärchen vor uns, deren Schuhwerk nicht unbedingt auf den teils steilen Schotterweg ausgerichtet war. Insbesondere sie vollbrachte auf ihren Hochhakigen eine wahrhaft akrobatische Leistung.

Nach einer kurzen Biergartenpause (nur mit Essen, mangels ausreichend Bedienungen aber leider ohne Bier) ging es mit dem Auto weiter, auf der Suche nach dem nächsten Schloss – Linderhof. Der Mensch an der Hotelrezeption hatte 30-40 Minuten Fahrzeit prognostiziert (über die österreichische Seite), aber das war unter Einhaltung der Verkehrsregeln und mit Wochenendverkehr nicht zu schaffen. Nach einer guten Stunde waren wir dort, sparten uns diesmal aber das Eintrittsgeld (genug Schlösser für heute) und spazierten nur durch den wunderschönen Schlosspark mit seinen Springbrunnen, Terrassengärten, dem marrokanischem Haus, maurischen Kiosk, usw. – alles bei strahlendem Sonnenschein, aber mit langsam immer müder werdenden Beinen.

Linderhof

Auf der Rückfahrt hielten wir in Füssen, machten einen kleinen Stadtbummel durch das hübsche Städtchen und aßen in der Altstadt zu Abend – auf Empfehlung einer Einheimischen bei einem Italiener („dort können Sie am besten bayrisch essen“). Und, endlich, nach einem anstrengenden und heißen Tag, auch das ersehnte Bier.

Am Pfingstmontag ging es dann langsam Richtung Heimat – zunächst über die barocke Wieskirche. Wir kamen genau richtig zum Gottesdienst, hatten aber kaum Platz. Die Kirche war voll mit Einheimischen, alle in Trachten. Sehr schön. Draußen wurde schon für das anschließende Fest gerichtet, und direkt von der Kirche ging es dann nach dem Gottesdienst auf die Bierbänke. Naja, nicht ganz direkt, einige der Einheimischen kamen nicht an einer Gruppe Amerikaner vorbei, ohne mehrmals in ihrer Tracht für Fotos posieren zu müssen.

Mein Schwager brachte uns dann noch bis Augsburg, von wo wir den Zug zurück nach Karlsruhe nahmen. Ein schönes Wochenende, und all der Massentourismus war gar nicht so schlimm. In jedem Fall war es ein entscheidender Vorteil, direkt bei den Schlössern zu übernachten und so die Orte nach Abzug der Tagestouristen auch in Ruhe genießen zu können (Vgl. Venedig). Und dank des Muskelkaters vom Kamelreiten hatte ich noch 2-3 Tage hinterher was davon.