Veröffentlicht am Autor , Birgit Krämer

Kreativ in der Krise: unsere Reisebusfahrer

Die Corona-Pandemie hat unsere Reisewelt auf den Kopf gestellt. Alles ist anders in diesem verrückten Jahr 2020. Normalerweise ginge die Saison jetzt ihrem Höhepunkt entgegen. Nun war für Monate alles abgesagt. Unsere Reisebusse sind abgemeldet und stehen seit Mitte März still. Unsere Fahrer sind noch in Kurzarbeit. Doch Stillstand gab es für sie nicht: Denn alle sind sehr aktiv in ganz unterschiedlichen, systemrelevanten Nebenjobs.

Da sich schon viele unserer Kunden nach ihnen erkundigt haben, hier eine kleine Zusammenstellung, kurz vor dem Neustart:

Hält Ordnung im Regal

Rocco Pflugbeil arbeitet seit Anfang April zweimal wöchentlich als Aushilfe im REAL-Markt in Ettlingen. „Ich werde in verschiedenen Bereichen zum Auffüllen der Regale eingesetzt, etwa bei den Tiefkühl-Produkten und in der Getränkeabteilung. Mir macht es Spaß, beschäftigt zu sein, und durch die unterschiedlichen Abteilungen ist die Tätigkeit abwechslungsreich. Herausforderungen gab es eigentlich keine, zumal auch die Kunden sehr höflich und rücksichtsvoll den Angestellten und uns Aushilfskräften gegenüber sind. Sie wissen es zu schätzen, dass wir unsere Arbeit trotz Maske, die einen schon ziemlich einschränkt, zügig und ordentlich machen. Den REAL kenne ich inzwischen in- und auswendig!“

Gab es Hamsterkäufe? „Anfangs hatten auch wir Engpässe bei Toilettenpapier, Mehl und Hefe. Und die Kunden haben Teigwaren gehortet: Die musste ich am öftesten nachfüllen.“

Ihre Motivation? „Ich möchte der Gesellschaft gerne etwas zurückgeben. Wenn man ins nahe Elsass schaut, kann man froh sein, dass wir hier von Covid-19 einigermaßen verschont geblieben sind.“

Ein überraschendes Erlebnis? „Einmal wurde ich von Hirsch-Kunden aus Malsch im Markt angesprochen, die schon mit mir in Rovereto waren: Sie fanden es klasse, was ich mache. Trotzdem: Ich würde lieber heute als morgen wieder in meinen Reisebus steigen!“

Rocco Pflugbeil im Supermarkt: „Ich möchte der Gesellschaft etwas zurückgeben.“

Im Einsatz für den Pfälzer Wein

Harald Ludwig hilft während der Corona-Krise in der Landwirtschaft aus: „Ich habe mich dafür entschieden, im landwirtschaftlichen Bereich zu unterstützen. Es fehlen ja auch viele Saisonhelfer. So setze ich nun Weinreben. Mich beeindruckt, wie die Reben über GPS schnurgerade und millimetergenau gesetzt werden. Ich nehme die Daten der gewünschten Pflanzaufteilung auf und erstelle dann mit einer Software das genaue Setzprofil. Die Reben werden als Kurz- oder Hochstamm, mit oder ohne Stäbchen gesetzt. Für den ganzen Ablauf muss man die Setzmaschine sehr genau einstellen und führen. Eine sehr interessante Erfahrung für mich. Die Arbeitsatmosphäre war angenehm, auch die Freundlichkeit der Winzer – ich habe viele nette, interessante Leute kennengelernt.“

Ein überraschendes Erlebnis? „Die Corona-Krise hat meine Ansichten in vielen Bereichen geändert. Vieles sehe ich nun anders als vorher. Und man lebt bewusster, im wahrsten Sinne entschleunigt – wenn man bedenkt, wie viele Kilometer wir sonst so machen. Vor allem wird einem sehr bewusst, dass die Gesundheit mit Abstand das höchste Gut ist.“

Und nach der Corona-Pause? „Ich freue mich total auf den Wiederbeginn der Hirsch-Reisen. Und mir schwebt vor, eine Tagesfahrt für unsere Kunden zu kreieren: eine Tour durch die wunderschöne Pfalz, natürlich mit kulinarischen Erlebnissen beim Winzer.“ 

Harald Ludwig nutzt GPS nun nicht, um auf Reisen den richtigen Weg zu finden, sondern zum Reben Setzen!

Tomaten statt Touristen

Frank Siefermann ist auch in Corona-Zeiten auf der Autobahn unterwegs: Für eine Spedition transportiert er mit dem LKW Nahrungsmittel quer durch Deutschland. „Ich hole frische Ware, Obst und Gemüse bei Erzeugern und Produzenten ab. Mal bringe ich Salat aus Holland für Bonduelle in die großen Warenlager der Supermarkketten, mal Erdbeeren aus Franken für die Marmelade nach Schwartau. Ich fahre hauptsächlich nachts, was eine ziemliche körperliche Umstellung war.“

Ihre Motivation? „Ich freue mich, dass ich so einen sinnvollen Beitrag leisten kann.“

Überraschende Erkenntnisse? „Ich stelle fest, dass sich PKW-Fahrer gegenüber den LKW-Fahrern viel netter und wesentlich seltener aggressiv verhalten seit der Krise – vor allem für Lebensmitteltransporte gibt es mehr Verständnis. Und ich beobachte, dass die Menschen in Bayern und Baden-Württemberg sehr diszipliniert sind, was Abstands- und Hygieneregeln betrifft. In Nordrhein-Westfahlen scheint mir das – zumindest demnach, was ich an Tankstellen beobachte, weniger der Fall zu sein.

Was fehlt Ihnen? „Die Begegnungen und Gespräche mit unseren Gästen! Reisebusfahrer ist einfach mein Ding, seit 30 Jahren.“

Von Europa nach Muggensturm

Frank Baumgärtner ist auch in Krisenzeiten auf dem Fahrersitz anzutreffen: Er fährt Linienbus bei der Firma Lauk in Muggensturm. „Ich finde es wichtig, dass der Öffentliche Nahverkehr auch in diesen Krisenzeiten aufrechterhalten wird. Auch wenn während des Lockdowns zunächst sehr viel weniger los war. In den ersten Wochen war ich als Fahrer komplett abgeschirmt. Die vordere Tür blieb zu, es wurden keine Fahrtkarten verkauft, alle mussten hinten einsteigen. Die Fahrgäste erlebe ich als sehr verantwortungsbewusst. Jeder hält sich an die Regeln. Seit dem 28. Mai ist es etwas lockerer, die Leute dürfen wieder vorne einsteigen, ich verkaufe auch Fahrkarten, bin aber durch einen Schutz abgeschirmt. Und es ist wieder mehr Verkehr auf den Straßen. Zusätzlich helfe ich als Fahrer für Kühltransporter aus und fahre Fleisch, Erdbeeren oder Champignons von den Lagern in die Supermärkte.“

Möchten Sie denn überhaupt wieder Reisebus fahren? „Da krieg ich gleich Tränen in die Augen! Selbstverständlich! Mir fehlen die schönen Reiseeindrücke, das gemütliche Beisammensein mit Gästen, die gemeinsamen Picknicks, der italienische Espresso und die Penne Arrabiata.

Frank Baumgärtner: „Mir fehlen die schönen Reiseeindrücke und unsere Gäste.“

Homeoffice für Busfahrer? Zuhause bleiben ist schwerer als gedacht.

Wolfgang Behrends ist daheim in Tübingen als Hausmann, Hobbykoch und Hilfslehrer für den 12-jährigen Sohn im Einsatz. „Ich kann mich kaum mehr daran erinnern, je so lange zu Hause gewesen zu sein. Diese für uns alle ungewohnte Familienzeit ist schon eine Herausforderung! Ich mache das Beste draus und halte meiner Frau, die vom Homeoffice sehr beansprucht ist, den Rücken frei. Zehn Wochen Homeschooling zehren an den Nerven. Zum Glück wohnen wir nah an Feld, Wald und Schwäbischer Alb und entdecken jetzt auf Wanderungen unsere nähere Umgebung erst richtig.

Fehlt Ihnen das Busfahren nicht? Natürlich fehlt mir das enorm. Unsere Gäste, die herrlichen Reisen mit immer wieder neuen Facetten – auch nach bald 40 Jahren. Aber die Zustände in Oberitalien, Spanien, England waren ja so beängstigend, dass alle Einschränkungen nur vernünftig scheinen. Und wir hatten unter den Nachbarn in unserem Haus die ersten Covid-19-Patienten Baden-Württembergs – da wird man einfach vorsichtig. Neulich habe ich in Eggenstein Sachen aus meinem Bus geräumt, seitdem verbrauchen wir hier die restlichen Würstchen-, Wasser- und Campari-Soda-Vorräte und denken an lustige Bus-Picknicks zurück. Demnächst bin ich mit einem befreundeten Reiseleiter mal wieder unterwegs, um eine neue Tour zu erkunden – in Deutschland, wo es ja auch viele unbekannte, schöne Ecken gibt.

Heute keine Bus-Würstchen, sondern Maultaschen – Wolfgang Behrends in der Küche.