Veröffentlicht am Autor , Stefan Simonis

Westtürkei

Der Bus wirft mich an einer Tankstelle südlich von Antalya raus, und da stehe ich in der Dunkelheit mitten auf der Schnellstraße. Aber nicht lange, Ibrahim kommt und fährt mit mir zum Hotel. Zum Essen hatte ich heute noch keine Gelegenheit, also schnappe ich mir die letzten Reste eines geplünderten Buffets vom Abräumwagen und gehe recht schnell schlafen. Am nächsten Morgen scheint die Sonne ins Fenster und ich bin überrascht – ich habe Meerblick! Unten im Frühstücksraum sitzen schon 200 Franzosen und Österreicher und veranstalten ein großes Spektakel. Manche Dinge waren in Kurdistan angenehmer als hier. Wegen meiner dunklen Haare gepaart mit Französisch- und Deutschkenntnissen werde ich mehrfach für einen türkischen Kellner gehalten und nehme alle möglichen Bestellungen auf. Keine Lust zu diskutieren, sie werden schon merken wenn ich ihnen nichts bringe. Ist eh Buffet, wenn sie aufmerksam wären würden sie sehen dass alles da steht.

Den Hirsch-Reiseleiter Herrn Yildirim kenne ich von Fotos, und entdecke ihn auch gleich in der Lobby. Wir machen uns bekannt. Herr Yildirim ist verletzt von der Kritik, die von einigen Teilnehmern unserer letzten Gruppe nachträglich kam und die er als ungerechtfertigt empfindet, zumal ihm gegenüber während der Reise niemand etwas äußerte. Ich gebe mir die nächsten Tage alle Mühe ihn davon zu überzeugen, dass der Hirsch-Kunde an sich generell wesentlich sympathischer ist als Herrn Yildirims letzter Eindruck. Herr Yildirim wiederum wird sich bemühen mit mir minutiös die Führung der letzten Reise nachzustellen, um mir zu beweisen, dass er ein guter Reiseleiter ist und viele Behauptungen aus der Luft gegriffen sind.

Wir fahren mit seinem Kleinwagen los und beginnen die Besichtigungen in Side (Pamphylien), laut Reiseführer ein ganz schlimmer Touristenort, um diese Jahreszeit aber recht nett und vor allem fast menschenleer. Vor dem Nymphäum stehen wir alleine,  im römischen Theater verlieren sich 2-3 Touristen, und auch im Hafen ist nur wenig los. Ich bin ehrlich gesagt positiv überrascht, hatte ich mir diesen Küstenabschnitt doch als Inbegriff des massentouristischen Schreckens vorgestellt. Denkste. Die 199,- Euro-pro-Woche-all-inclusive-Horden verstecken sich abseits der Straße und der Kultur. So haben wir die fotogenen Ruinen des Appollon-Tempels für uns alleine.

Side

Anschließend geht es nach Aspendos, nicht ohne unterwegs einen kurzen Fischsnack an einer seldschukischen Brücke über den antiken Eurymedon zu vertilgen. Das Theater aus dem 2. Jh. ist enorm, riesig, beeindruckend. Hier fand sogar mal „Wetten dass ..?“ statt, so etwas haben die Archäologen mittlerweile aber unterbunden – nicht weit entfernt hat man dafür eine moderne „Arena“ gebaut. Auf der nördlichen Seite führt ein gewaltiges römisches Aquädukt durch die Ebene.

Nächstes Städtchen ist Perge. Links der Straße ein großes Theater, rechts das antike Stadion mit 15.000 Plätzen und 50 Gewölben, dahinter die Ruinen der Stadt. Ich frage mich, ob es unter den Römern auch Subventionen für die Theater gab – so viel Theater auf engstem Raum findet man sonst wohl nur in Deutschland. In den Ruinen sorgt die langsam untergehende Sonne für ein faszinierendes Licht. Stadttore, Agora, Thermen, Tempel – alles da. Paulus und Barnabas kamen hier übrigens auch durch.

Bald ist es dunkel, und ich besuche das Büro unserer Agentur in Antalya – bisherige Eindrücke mitteilen, über unsere Reisen diskutieren, usw. Es erleichtert die Sache nicht, dass es in der Türkei unüblich ist Probleme direkt anzusprechen. Andere Länder, andere Sitten.

Zurück im Hotel muss ich einige Zeit kämpfen, um in mein Zimmer zu kommen. 3 x laufe ich vom dritten Stock zur Rezeption und wieder zurück, dann klappt es mit der Karte. Nach einer kurzen Dusche holen mich die 3 Jungs von der Agentur zum Abendessen ab. Es geht in ein schönes Restaurant auf der anderen Seite von Antalya, oben auf der Klippe am Meer gelegen. Die Sicht soll toll sein, aber es ist ja dunkel. Das Essen ist hervorragend, der Wein auch. Anschließend geht es durch die Gassen der Altstadt in eine Bar, immer fleißig am diskutieren. Es gibt tatsächlich türkischen Cognac! Müde komme ich gegen Mitternacht ins Hotel zurück.

Aber auch in Antalya gibt es Muezzine, die früh um 5 der Ansicht sind man habe genug geschlafen. Nach dem Frühstück treffe ich mich wieder mir Herrn Yildirim und plane zunächst meine weitere Route. Wir wollen gemeinsam über Pamukkale nach Kusadasi, und von dort muss ich nach Istanbul (insgesamt also ca. 1100 km), wobei mir nicht allzu viel Zeit bleibt – heute ist Donnerstag, und Sonntagnachmittag kommt meine Frau in Istanbul an. Aber Schritt für Schritt, und jede Reise beginnt mit einem Busticketkauf. Wunderbarerweise kann man das Ticket für die Strecke Kusadasi-Istanbul in Antalya kaufen: Abfahrt am Samstag um 23 Uhr, Ankunft am Sonntag um 9 Uhr, rechtzeitig in Istanbul und noch eine Hotelübernachtung gespart – perfekt. Zunächst schauen wir uns aber noch Antalya bei Tag an, nachdem ich gestern Abend nicht allzu viel gesehen habe. Die Gassen sind nett und sauber, das Wetter sehr angenehm. Herr Yildirim will noch unbedingt ein Geschenk für meine Frau kaufen, aber ich fürchte er trifft ihren Geschmack nicht ganz – vom Schal in Leopardenmuster kann ich ihn gerade noch abhalten. Mit seinem Kleinwagen verlassen wir Antalya und fahren durch die schöne Bergwelt. Zwischendurch halten wir kurz am Straßenrand für einen Tee und eine Gözleme. Ansonsten immer noch ununterbrochen Diskussionen, über unsere letzte Gruppe, das liebe Geld, die Politik, …

Die nächste Großstadt, Denizli, wird von einer gewaltigen Smogwolke überlagert. Pamukkale ist nahe. Der erste Anblick des Kalkbergs ist etwas enttäuschend, gemäß den Photos und Postkarten hatte ich ihn mir eigentlich weißer und spektakulärer vorgestellt. Unten hält ein Bus nach dem anderen, während wir gemütlich noch eine Gözleme essen und einen Tee trinken. Anschließend fahren wir zum Nordeingang und laufen „von hinten“ den Berg hinauf – durch die großartige Nekropole von Hieropolis mit unzähligen beschrifteten Gräbern, Sarkophagen, Totenhäusern und Tumulusgräbern von vor 2000 Jahren. Durch das Nordtor geht es in die eigentliche Stadt. Schon toll, was sich hinter dem Naturwunder Pamukkale versteckt. Das kommt nun auch. Massenhaft Japaner, Russen, Ostdeutsche und Rheinländer laufen durch die Gegend oder barfuß durch das warme Thermalwasser und die weißen Kalkterrassen, die das verdunstende Wasser zurücklässt. Höhepunkte sind in etwa fünfminütigem Abstand die Damen, die kreischend ausrutschen und sich um sich schlagend auf den Hosenboden ins Nass setzen. Und die mit Trillerpfeifen bewaffneten Aufseher, die Übereifrige in die erlaubten Zonen zurückpfeifen.

Pamukkale

Als sich die Sonne senkt wandern wir zurück zum Ausgang und fahren in den nahen Ort. Wir übernachten in einem „Thermalhotel“, und man will mir wohl etwas Gutes tun, indem man mir ein Upgrade in eine große Suite mit gewaltiger Badewanne gibt. Allerdings ist der Wasserdruck dergestalt, dass sich die Wanne auch in zwei Tagen nicht annähernd füllen würde. Ich wage mich in die Thermalabteilung. Eine Badekappe kostet 2 Lire, damit habe ich nicht gerechnet, also nochmal zurück ins Zimmer. Anschließend plansche ich etwas in einer warmen bräunlichen Brühe. Das soll gesund sein? Aber ich fühle mich sowieso unwohl, denn mit Brille sehe ich nichts, weil sie sofort beschlägt, und ohne Brille bin ich eh blind wie ein Maulwurf. Aber immerhin war ich mal da. Der Speisesaal ist mein Alptraum, organisierte Abspeisung von 500 Japanern und Deutschen, wenn auch zugegebenermaßen sehr gut organisiert. Ich dränge Herrn Yildirim zur Flucht, und wir spazieren ins nahe Dorf, weg von den Massen. Endlich etwas Ruhe.

Am nächsten Tag frühstücken wir früh und sind auf dem Weg, bevor die Gruppen starten. Etwa 3 Stunden dauert die Fahrt gen Ephesos. Unterwegs säumen Geothermalanlagen die Strecke, Dampfsäulen stehen über den Feldern. Kurz vor dem Ziel machen wir eine kurze Teepause, der Besitzer lädt uns für später zum Mittagessen ein. Dann Ephesos – 3 Stunden durch die großartigen Ruinen. Die Eintrittsgelder läppern sich langsam. Her Yildirim gibt sich alle Mühe, mir die Geschichte nahezubringen, und stellt parallel auch noch nach, wie er die Führung mit der letzten Hirsch-Gruppe gemacht hat. Die Reklamationen haben ihn wirklich tief getroffen. Ich bin froh dass es Winter ist und angenehme Temperaturen herrschen, ich möchte mir nicht vorstellen hier bei über 30 Grad zu schwitzen. Der Extra-Eintritt für die Hanghäuser lohnt sich, ein beeindruckender Luxus, den die alten Griechen hatten. Als wir zurück zum Eingang laufen bin ich recht erschöpft, doch das Mittagessen gibt wieder Kraft.

Ephesos

Etwas abgelegen, aber schön und idyllisch im Wald auf den Hügeln um Ephesos, liegt das Haus der Maria. Hier hat die Mutter von Jesus angeblich gelebt (beim Apostel Johannes). Nach dem Trubel im Tal ist es ein sehr angenehmer und ruhiger Platz, außer mir ist nur noch eine Nonne da.

Wieder unten fahren wir nach Selcuk, dem nächstgelegenen Städtchen.  Auf dem Zitadellenhügel liegen die Reste der Johannesbasilika über dem Grab des Johannes. Fast spektakulärer ist der Himmel, ein Gewitter scheint aufzuziehen. Wir flüchten ins Archäologische Museum von Selcuk, das allerlei Schätze bereit hält, insbesondere Statuen aus dem berühmten Artemistempel. Einen Tee gibt es leider nicht mehr zu trinken, da das Museum gerade schließt. Wir fahren ins nahe Kusadasi, das Hirsch-Hotel ist ein recht großer Klotz, etwas außerhalb des Ortes am Meer gelegen. An der Rezeption diskutiere ich etwas, ob eine oder zwei Nächte zu bezahlen sind, aber da mein Bus erst morgen Abend um 23 Uhr fährt und ich mir die Möglichkeit offen halten will bis dahin im Zimmer zu bleiben, bezahle ich zwei. Außer mir sind kaum Gäste da, nur eine Erasmus-Austauschgruppe, es wird dennoch ein tolles Abendbuffet aufgefahren. Anschließend gehe ich noch etwas in Kusadasi spazieren, laut Reiseführer eine schreckliche Touristenhochburg, Mitte Dezember aber ein recht nettes, ruhiges Örtchen.

Das Frühstücksbuffet im Hotel ist auch gut, um halb neun brechen wir mit Yildirims Auto auf ins nahe Izmir. An der Mautstelle zur Autobahn muss man anhalten, um eine Karte zu kaufen, das geht natürlich nicht ohne Diskussionen und zieht sich eine Weile hin. Auf der Autobahn wird es zappenduster, ein gewaltiges Gewitter naht, und der Himmel öffnet seine Schleusen. Nach 3 Wochen das erste Mal so richtig schlechtes Wetter – das muss meine Frau sein, die wohl gerade ihren Koffer für morgen packt. Die bringt immer schlechtes Wetter mit. Izmir ist die erwartet chaotische Großstadt, und das türkische Fahr- und Parkverhalten verbessert die Verkehrssituation nicht unbedingt. Herr Yildirim deutet auf die hupende Menge um uns herum und klagt, einige Teilnehmer der letzten Gruppe hätten ihm die Schuld an der Verkehrssituation gegeben. Als wir die Burg erreichen bricht der nächste Regenschauer los, und wir retten uns in ein kleines Teehaus. Der Blick von hier oben auf Stadt und Meer ist beeindruckend.

Unten im Gewühl parken wir in einem Parkhaus, ein stilvoller Betonklotz direkt an der Agora. Auf jedem Stock steht ein freundlicher junger Mann, der einem die freien Parkplätze zeigt und beim Einparken (es ist wirklich sehr eng) hilft. Am Meer trinken wir noch einen Tee, es stürmt, die Fähren legen ab und an, einige Angler stehen auf dem Landungssteg. Durch den netten Basar laufen wir zur Agora, mal schauen wie viele Säulen ich noch verkrafte. Nach Stadtbummel und kleinem Mittagessen (diese Gözleme sind wirklich lecker) suchen wir Parkhaus und Auto und machen uns auf dem Heimweg – Herr Yildirim will heute noch zurück nach Antalya fahren.

Im Hotel packe ich mal wieder und genieße nochmal das feine Buffet. Gegen halb elf bestelle ich mir ein Taxi, zahle meine Hotelrechnung und lasse mich zum Busbahnhof von Kusadasi fahren. Pünktlich um 23 Uhr macht sich der Bus auf den langen Weg gen Istanbul … Fortsetzung folgt.