Veröffentlicht am Autor , Birgit Krämer

Venedig ‒ la Serenissima

Gondeln statt Autos, Kanäle statt Straßen ‒ Venedig ist einzigartig. Der Inbegriff von Romantik. Und die meistbesuchte Stadt ganz Italiens. Langsam versinkt sie in der Lagune …

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Aqua alta am Markusplatz (Foto: Roland Karl)


Venedig, „die Allerdurchlauchteste“, war Jahrhunderte lang der größte Handelsplatz zwischen Westeuropa und dem östlichen Mittelmeer. Auf mehr als 100 Inseln wurde die Lagunenstadt erbaut, über 400 Brücken und 150 Kanäle gibt es hier. Der gesamte Verkehr findet auf dem Wasser statt. Schon die Fahrt durch den Canal Grande ist eine Sightseeing-Tour, vorbei an den Fassaden der prächtigsten Palazzi. Ein Labyrinth aus Gassen und Gässchen führt zu versteckten Plätzen und Kirchen. Der Markusplatz symbolisiert die Macht der einstigen Seerepublik. Die Basilica di San Marco ist einer der erstaunlichsten Sakralbauten des europäischen Mittelalters, ein Schrein für die kostbaren Reliquien, die auf abenteuerlichem Weg hierherkamen. Auch die antiken Bronzepferde könnten so manche Geschichte erzählen. Der Dogenpalast beherbergt Gemälde Tintorettos und die berüchtigten Bleikammern, aus denen Giacomo Casanova eine spannende Flucht gelang. Im venezianischen Karneval wurde die Commedia dell’arte geboren. Das glanzvolle Teatro La Fenice ist nach einem verheerenden Brand neu erstanden wie Phönix aus der Asche. Moderne Sammlungen wie die von Peggy Guggenheim, François Pinault oder die Biennalen bereichern Venedigs Kunstlandschaft stets aufs Neue.

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Foto: Roland Karl

Die andere Seite: Jedes Jahr kommen bis zu 30 Millionen Touristen nach Venedig, die meisten Tagesgäste, die wenig Geld, aber Müll in die Stadt bringen. Die Stadt lebt vom Tourismus, der aber verdrängt die Infrastruktur und erschwert das Leben der Einwohner. Überteuerte Mieten und Lebenshaltungskosten, unbezahlbare Renovierungen ‒ gerade junge Leute können sich das nicht leisten. Nur knapp 60.000 Menschen leben noch in der Altstadt, halb so viele wie vor 40 Jahren. Dazu droht Venedig im Meer zu versinken, der sandige Untergrund gibt unter dem Gewicht der Bauwerke nach, um 25 cm in den vergangenen 100 Jahren. Viele Erdgeschosse sind nicht mehr bewohnbar. 700 Kreuzfahrtschiffe pro Jahr lassen den Wasserspiegel steigen. „Acqua alta“: Immer häufiger ertönen die Hochwasser-Sirenen. Der gigantische Schutzwall MOSE, das teuerste Anti-Flut-Projekt aller Zeiten, soll ab 2017 Abhilfe schaffen. Und man denkt über Konzepte nach, den Tourismus nachhaltiger zu gestalten.

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Neueste Technik in historischem Gewand (Foto: Roland Karl)

Fragen an den Reiseleiter Roland Karl:
Was macht für Sie die Faszination Venedigs aus?
R. Karl: Keine Stadt in Italien ist auf so engem Raum so kontrastreich. Abseits der üblichen Trampelpfade trifft man auf Plätze, an denen die Zeit still steht. Ruhe und Hektik, Perfektion und Verfall, Banalität und höchster künstlerischer Ausdruck, Touristennepp und herzliche Gastfreundschaft ‒ all das liegt nah beieinander. Und das Stadthotel ist ein echter Pluspunkt: Es liegt im angenehmen Viertel Dorsoduro unweit der Accademia, abseits des Trubels und doch zentral. Venedig am Abend erleben die wenigsten Besucher!

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Roland Karl

Haben Sie Lieblingsorte in Venedig?
Da kann ich mich schwer entscheiden! Vielleicht die Frari-Kirche mit den Werken Tizians und Giovanni Bellinis. Oder im Winter bei Eiseskälte und seidigem Licht über den Canal Grande zu fahren. Was mir – und den Gästen – immer sehr gefällt ist der Ausflug ins nette, kleine Fischerdorf Burano: Hier entkommt man mal dem venezianischen Trubel, kann sich einfach nur wohlfühlen, einen Kaffee genießen, das Erlebte Revue passieren lassen. Ein schöner Kontrast.

Was halten Sie von Überlegungen, einen Eintritt für Venedig zu verlangen?
Ich kann das absolut verstehen. Das würde den Massentourismus drosseln und Gelder einbringen für den Erhalt dieser einzigartigen und leider wirklich im Verfall befindlichen Stadt.

Ihr persönliches Venedig-Highlight?
Das habe ich zum Jahreswechsel mit Hirsch Gästen erlebt: das Silvesterkonzert im Opernhaus La Fenice mit der Sopranistin Nadine Sierra. Danach ein opulentes Menü und gerade noch Zeit, zum Silvesterfeuerwerk an der Punta della Dogana zu gelangen. Dann auf den Stufen der Salutekirche kollektives Umarmen. Unvergesslich!

(Januar 2016)