Tief im Westen: Industriekultur im Ruhrgebiet

Für viele, die den Hirsch-Katalog durchblättern oder langgehegte Urlaubsträume wahrmachen wollen, ist es ein überraschendes Ziel: das Ruhrgebiet. Im Ernst jetzt? Was wollt ihr denn da? Hört man von manchen, die es nicht besser wissen. Die alten Klischees aus der Kohle- und Stahlzeit halten sich hartnäckig. Grau und rußgeschwängert? Von wegen. Die Region ist schon lange erstaunlich grün. Und gigantische Kulturdenkmäler erzählen Industriegeschichte. 

Reiseleiterin Birgit Krämer entdeckt (ganz privat) eine Region ihrer Kindheit wieder. Hirsch-Prokurist Oliver Possehl lässt sich vom „Neuland“ überraschen, als er die gleiche Reise zwei Monate später unternimmt …

Kleine Entdeckungsreisen, für die man gar nicht weit fahren muss, die liebe ich ja! Zu den weitgehend unbekannten Zielen in Deutschland gehört auch das ewig unterschätzte Ruhrgebiet. Im sehr kühlen Mai 2026 ergab sich für mich die Gelegenheit: Mein Mann, Wolfgang Behrends, fuhr den Bus, und ich durfte mal wieder Reisegast sein.

Im Zeichen des Wandels

Das Ruhrgebiet ist ein Ballungsraum, in dem 5 Millionen Menschen leben und wo die Grenzen zwischen den Städten verschwimmen. Dortmund, Essen, Duisburg sind größenmäßig die Top3 – hier werden wir das einstige industrielle Herz Europas kennenlernen. 

Auf der Fahrt denke ich daran, wie oft ich in den 1970er- und 80er-Jahren in dieser Gegend zu Besuch war: Die Großeltern lebten in Oberhausen, mein Vater war da aufgewachsen. Damals waren all die Zechen und Hütten, die wir heute besichtigen, noch voll in Betrieb. Die Hausfassaden waren verrußt, meine „Omma“ schimpfte oft übers viele Fensterputzen. „Oppa“, ehemaliger Eisenbahner, erzählte gern „Dönekes“, ging mit uns Kindern in die schönen Revierparks oder in den Duisburger Zoo.

Zeche Zollverein
Zeche Zollverein: Der Doppelbock von Schacht 12 ist ein Wahrzeichen des Reviers.

Tag 1: „Der Koks ist bei uns immer schwarz“

Unser Hirsch-Programm startet in Essen in der Zeche Zollverein. Wer kennt nicht das berühmte „Riesen-A“ des Fördergerüsts? „Doppelbock“ heißt das, lernen wir. Gerade feiern sie dort 25 Jahre UNESCO-Weltkulturerbe. Und weil Vatertag ist, sind auf dem Gelände einige fröhliche Horden mit Bollerwagen und dröhnenden Musikboxen unterwegs. Auch das ist Ruhr-Kultur. 😊

Reiseleiter Christoph Wilmer, mit sympathischen Ruhrpott-Slang, ist Essener und Historiker. Er erzählt wunderbar anschaulich und mit feiner Ironie. Wir merken schnell, wie sehr es sich lohnt, die Ohren zu spitzen, damit uns keine seiner Anspielungen entgeht. (Die Tageszitate stammen alle von ihm)

Was an Schacht 12 geschah

Essen war die größte Bergbaustadt Europas, und Zollverein die größte und modernste Zeche der Welt. Bis zu 8.000 Bergleute arbeiteten über und unter Tage – bis 1986, da war „Schicht im Schacht“. Der berühmte Schacht 12 war nur für die Kohle da, die Männer fuhren anderswo ins Bergwerk ein.

Reiseleiter Christoph Wilmer
Unser Reiseleiter Christoph Wilmer vor dem Red-Dot-Design-Museum

In die Verwaltungsgebäude und Werkstätten der 1920er Jahre ist ein Design-Museum eingezogen. Im mächtigen Gebäude der Kohlenwäsche kam die geförderte Kohle an – und wir folgen ihrem Weg. Rund um die Uhr liefen die Maschinen, die die Kohle mittels Sieben und Wasserbecken vom Gestein trennten und nach Größe und Qualität sortierten. Die kleinsten Stücke und der Kohlestaub waren für die Kokerei bestimmt, wo sie zu Koks verarbeitet wurden für die Stahlproduktion. Förderbänder in luftiger Höhe führen weit übers Gelände dorthin. Man könnte auf ihnen spazieren – aber wir nehmen unseren Bus.

Vom schwarzen Gold und Strukturwandel

Nebenbei überfliegt Christoph mit uns die Geschichte des Ruhrgebiets. Kohle war der Treibstoff der Industrialisierung. Hier gab es reichlich davon, allerdings sehr tief, 1000 m unter der Erde. Die Dampfmaschine ermöglichte neue Bohrverfahren für Tiefbauschächte. Die Eisenbahn eröffnete Transportwege. 120 Bergwerke entstanden, dazu Zechen, Hochöfen, Stahlwerke. Die Bevölkerung verdreifachte sich, aus Dörfern wurden Großstädte. In Weltkriegszeiten boomte die Schwerindustrie – und die „Waffenschmiede des Reiches“ wurde ein Hauptziel alliierter Luftangriffe. Noch in den 1950er-Jahren malochten über 500.000 Bergleute hier. Doch bald verdrängte Erdöl die Ruhrkohle vom Markt.

Eine Region erfindet sich neu

Krise, Arbeitskämpfe, Subventionen, Rückbau. Immer wieder kommt Christoph darauf zurück, wie man den Strukturwandel ab den 1980er-Jahren sozialverträglich hinkriegte, anders als in England. Er ist immer noch im Gang. Zum Erbe der Stahl-und-Kohle-Ära gehören die „Ewigkeitskosten“ für das Abpumpen des Grubenwassers, beträchtliche Arbeitslosenquoten, überschuldete Städte. Und doch: Logistik, Technologie, Dienstleister, Universitäten siedeln sich an. Flüsse werden renaturiert, die Region immer grüner.

Was passiert in einer Kokerei?

Zurück zum Programm: Unsere nächste Station ist die Kokerei. Über einen Kilometer zieht sie sich hin mit ihren vielen Schornsteinen. Hier wird die Kohle in sehr hohe, sehr schmale Öfen gepresst – wie Toastscheiben in einen Toaster. Nur, dass der Toast „Kokskuchen“ heißt. Wir lernen das schöne Wort „Kokskuchenführungswagen“: Der übernimmt das Rein- und Rauspressen. Tag und Nacht liefen die mehr als 300 Öfen durch, bei 1200 Grad. Selbst für Reparaturen durften sie nie unter 800 Grad abkühlen – wer dann reinmusste, war trotz Schutzanzug arm dran.

Schwarze und weiße Seite

Unter Luftabschluss wird Steinkohle zu Koks. War so ein Kokskuchen fertig gebacken, wurde er auf der anderen, der „schwarzen Seite“, aus den Öfen herausgedrückt. Glühend, teils brennend fiel er in bereitstehende Waggons, und die Arbeiter, die mit dem Schlauch löschen mussten, bekamen den Ruß und all die giftigen Abgase ab. Bevor man Absauganlagen einbaute, strömte das in Richtung Stadt.

Außer dem Koks entstehen Kokereigas und viele wertvolle Nebenprodukte, die auf der „weißen Seite“ verarbeitet wurden. Bis 1993 war das so. Und nachts glühte der Himmel. Heute macht das eine künstliche Beleuchtung. Auf der „weißen Seite“ sehen wir Wasserbassins mit reizvollen Spiegelungen. Im Winter kann man hier Schlittschuh fahren, im Sommer ist das hier ein beliebtes Schwimmbad. 

Angefüllt mit viel neuem Technik-Wissen geht’s noch ins Zentrum, um kurz durch die Fußgängerzone zu spazieren und einen Blick auf den berühmtesten Kunstschatz der Stadt werfen: Die Goldene Madonna im Dom ist über 1000 Jahre alt – vermutlich die älteste vollplastische Marienfigur überhaupt – und strahlt ganz wunderschön.

Wir freuen uns nun sehr auf das Abend-Buffet im angenehmen Ramada-Hotel. 😊

O.P.: Mich hat vor allem die schiere Größe der Industrieanlagen unheimlich beeindruckt. Unwahrscheinlich, was der Mensch dort erschaffen hat. Auf der einen Seite staunt man nur über die Größe und technische Brillanz, auf der anderen Seite hat es mich auch sehr nachdenklich gemacht. Ohne Rücksicht auf Mensch und Umwelt, wurde sich hier die Landschaft zu Eigen gemacht. Dreck und Abwässer waren egal, die Verschmutzung der Umwelt wurde für den Profit billigend in Kauf genommen. Auch wenn heute vielerorts Landschaftsparks entstanden sind, so lebt dieses Erbe in den alten Industrieanlagen weiter.

Tag 2: „Die Geschichte endet vor einer Viertelstunde“

Beim Frühstück wundern wir uns über eine Mannschaft junger kroatischer Cheerleaderinnen, die im Schlafanzug erscheint. Ein Ehepaar aus der Hirsch-Gruppe schwärmt von der Essener Oper, wo sie gestern noch in der Vorstellung waren. Uns erwartet heute richtig was fürs Auge: eine noble Villa, eine Gartenstadt und wunderschöne Kunst – auch sie erzählen die Geschichte des „Kohlenpotts“.

Auf den Spuren der Krupps

Bei der Busfahrt durch die Stadt macht Christoph uns klar, welch großes Areal die Kruppsche Gussstahlfabrik einmal beherrschte. Und ist schon mittendrin im Werdegang dieser Dynastie. Erzählt, wie sich die Firma im 19. Jahrhundert vom 7-Mann-Betrieb zum Weltunternehmen entwickelte: Der talentierte Alfred Krupp hatte wichtige Erfindungen für Eisenbahnbedarf und Waffentechnik gemacht und hielt zahllose Patente, etwa für den nahtlosen Eisenbahnreifen.

Thyssen-Krupp-Zentrale
Thyssen-Krupp-Zentrale in Essen

Wir kommen an der modernen Hauptverwaltung von Thyssen-Krupp vorbei. Die Spiegelfassade glitzert. Der Konzern ist in Bewegung, war gerade wieder in den Nachrichten: Bald soll er nur noch eine Finanzholding sein. Unvorstellbar für die Essener. Damit sind auch die „Kruppianer“ Vergangenheit. „Die Geschichte endet vor einer Viertelstunde“, kommentiert unser Reiseleiter.

Die Gartenstadt Margarethenhöhe begeistert mich: Ab 1909 entstand diese Mustersiedlung, gestiftet von Alfreds Witwe Margarethe Krupp anlässlich der Hochzeit ihrer Tocher Bertha. Na, das ist mal ein Hochzeitsgeschenk! Hübsche Häuschen, blühende Gärten, Kaufhaus und Café, Keramikwerkstätten und ein Marktplatz mit Brunnen, auf dem steht: „Grabt Schätze nicht mit Spaten, sucht sie in noblen Taten.“ Ich kann gut verstehen, dass diese Wohngegend noch immer begehrt ist – und würde auch sofort herziehen. 😊

Die Kapitalistenvilla

Ganz anders die herrschaftliche Villa Hügel im riesigen Park, der Familiensitz der Krupps. Alles edel und gediegen, viel dunkles Holz, wertvolle Tapisserien und große Festsäle für illustre Gäste. Ja, hier wohnte er, der reichste Mann Deutschlands – und über 600 Hausangestellte. „Eine Villa als Traumabewältigung“, vermutet Reiseleiter Christoph, denn Alfred Krupp sei als bürgerlicher Selfmademan nie wirklich anerkannt worden von den aristokratischen Kreisen. Ein Kontrollfreak soll er gewesen sein, der überall Zettelchen mit Botschaften an Mitarbeiter oder Familie hinterließ. (Wenn der schon Post-ist gekannt hätte!) Wir lauschen der spannenden Geschichte des mächtigen Clans, die keineswegs skandalfrei verlief, bis zu Alfried, dem letzten Eigentümer, seinen Verstrickungen in der NS-Zeit, seiner Inhaftierung und der Stiftungsgründung.

Villa Hügel, Essen
Schiffspartie und Kunstgenuss

Und dann stechen wir in See! Die Ruhr ist im Essener Süden zum Baldeneysee gestaut. Auf dem Ausflugsschiff gibt’s Kaffee und Kuchen und Blick auf Wasser, Wolken und Segelboote.

Ausflugsschiff Baldeneysee Essen
Auch Ausflugsschiffe gibt es im Ruhrgebiet.

Grüne Hauptstadt Europas, Kulturhauptstadt Europas – war Essen alles schon. Und einen wahren Kulturtempel haben wir jetzt noch vor uns: das Museum Folkwang. Der Gründer Karl Ernst Osthaus wollte Kunst und Leben miteinander versöhnen und trug herausragende Werke zusammen: Van Gogh, Cézanne, Matisse, Marc, Impressionisten, Expressionisten, auch Zeitgenössisches gibt es hier. Schon als kunstbegeisterte Jugendliche hab ich meine Eltern beim Oberhausen-Besuch hier in Ausstellungen geschleppt. Ich setz mich ab und schau diesmal lieber allein.

Museum Folkwang, Essen

O.P.: Die Mischung hat es heute gemacht. Ein bisschen von allem und sehr abwechslungsreich. Der Prunk der Villa Hügel, die entspannte Rundfahrt auf dem See bei bestem Wetter, und zum Abschluss noch die Kunst im Museum Folkwang. Das war ein Hirsch-Tag, wie man ihn sich vorstellt. Während meines Besuchs wurde auch die neue Ausstellung „ICH, GUSTAVE COURBET“ im Museum Folkwang eröffnet, zu der Hirsch eine Sonderreise im November organisiert.

Hier geht es zur Reise

Tag 3: „Spiel mir das Lied vom Tod handelt von Oberhausen.“

Heute soll’s nach Oberhausen gehen, und mit ist schon ganz nostalgisch zumute. Wir überqueren den Rhein-Herne-Kanal und die Emscher, jahrzehntelang eine stinkende Kloake. „Kinder, haltet euch die Nase zu“, rief mein Vater vom Steuer des Autos nach hinten, wenn die Brücke kam. Inzwischen ist sie renaturiert, es schwimmen sogar wieder Fische darin. Wahnsinn!

Altes Eisen – frisches Grün

Die Arbeitersiedlung Eisenheim am Rand von Oberhausen ist die älteste ihrer Art. Erbaut für die Stahlarbeiter der Gutehoffnungshütte, wurde sie in den 1970ern vor dem Abriss gerettet. Eine Reihe kleiner Backsteinhäuser, dahinter ein Weg, eine Reihe Ställe für Hühner, Kaninchen, Schweine, dann die Gärten. Solche typischen Siedlungen gab es überall im Revier. Auch bei Omma & Oppa war das so: das Häuschen, der (ehemalige) Stall, der Garten.

Wir hören von früheren Arbeits- und Lebensbedingungen, von Betten, die schichtweise noch an Kostgänger vermietet wurden, von Gewerkschaften, die Arbeiterrechte erkämpften, wie Freizeit. Die wurde gern mit Brieftaubensport verbracht oder mit Fußball. Identitätsstiftend bis heute. Auch Christoph kann sich als Rotweiß-Essen-Fan Seitenhiebe auf Schalke nicht verkneifen. 😊

Gasometer Oberhausen

Die Stadt Oberhausen entstand in öder Gegend um einen Bahnhof herum. Genauso wie im Western „Spiel mir das Lied vom Tod“, findet Christoph. Der Bahnhof war nötig für die Gutehoffnungshütte. Von ihr ist einzig und allein der Gasometer geblieben, ein riesiger Speicher für Kokereigas. Noch so ein Wahrzeichen. Heutzutage wird es für tolle Fotoausstellungen genutzt, gerade läuft „Mythos Wald“. Ein gläserner Aufzug bringt uns zum grandiosen Ausblick auf 117 m Höhe.

Zu unseren Füßen das gigantische Einkaufszentrum CentrO, das an Stelle des stillgelegten Hüttenwerks entstand – und das meine Omma hasste, weil die Innenstadt verödete. Mein Vater, der in sämtlichen Semesterferien hier am Hochofen gejobbt hatte, ließ auch später keine Gelegenheit aus, auf den Gasometer zu fahren und übers Ruhrgebiet zu schauen. „Stehse aufem Gasometer in Sturmesbrausen, und alles, watte siehst, is Oberhausen“, sangen die Missfits. 😊 Und ich schicke Selfies an meine Schwestern und Cousins.

Hirsch-Bus vorm Gasometer Oberhausen
Gasometer mit Hirsch-Bus
Stahlstadt Duisburg

In Duisburg produziert Thyssen-Krupp heute noch ein zwei Werken am Rhein. Eisen und Stahl sind ja immer noch wichtig für die Wirtschaft. Gleichzeitig forscht man am „grünen Stahl“ der Zukunft mittels CO2 freiem Wasserstoff. Längst wird der Innenhafen mit seinen Speichern und Sägewerken, wo früher Grubenholz ankam, nicht mehr gebraucht. Stararchitekten haben ihn neu gestaltet, Museen und Lokale sind eingezogen. Wir trinken Cappuccino in der Sonne mit Blick aufs Wasser und denken an Schimanski.

Etwas Sensationelles ist mit dem Landschaftspark Duisburg-Nord entstanden: In dem stillgelegten Eisenhüttenwerk macht sich die Natur breit. Überwuchert die gigantischen Industrieanlagen, Bahntrassen und verwandelt sie in ein grünes Erholungsgebiet, wo man spazieren, klettern oder im Gasometer tauchen kann.

Was im Hochofen passiert

Wir erklimmen die vielen Treppen zum Hochofen und erfahren dabei, wie so ein Ding funktioniert. Hier die Kurzfassung: Oben werden ein Erzgemisch und Koks eingefüllt, heiße Luft reingeblasen, bei Temperaturen über 2.000 Grad verschmilzt das miteinander zu Roheisen. Beim „Abstich“ alle paar Stunden wird das fertige, flüssige Eisen über Rinnen geleitet und in feuerfesten „Torpedopfannenwagen“ (noch so ein tolles Wort!) ins Stahlwerk oder Walzwerk gefahren. Die Schlacke kann zum Straßenbau verwendet werden.

Von der Kohle zum Koks zum Stahl: Den Prozess haben wir nun komplett verstanden. Was in der Landschaft vom Bergbau zurückbleibt, sind Halden, Schlacke oder Schuttberge, die oft originell gestaltet sind. Etwa mit der Skulptur „Tiger & Turtle“, über deren Windungen und Bögen man laufen kann – eine Achterbahn, die entschleunigt! 😊

O.P.: Ob ich extra hinfahren würde, weiß ich nicht. Wenn man aber mal geschickt in der Gegend ist – warum nicht…? Während meiner Hirsch Reise hatte ich freilich keine Zeit dafür. Da habe ich auch lieber den Hochofen erklommen und mir den Ablauf der Produktion erklären lassen. Ich komme auf jeden Fall schlauer zurück, als ich hingefahren bin.
Aber zurück zum Gasometer – ich finde es super, dass es durch die Taucher eine neue Daseinsberechtigung hat. Und es wird ja wohl auch sehr gut angenommen. Ich habe erfahren, dass auch die Polizei und Feuerwehr hier ihre Leute ausbildet, weil es super Bedingungen dafür bietet. Zum Glück sind wir in Karlsruhe entlang des Rheins aber mit vielen Baggerseen gesegnet, die ich einem Gasometer zum Tauchen dann doch vorziehe.

Tag 4: „Bergbauromantik ist Betrug“

Der letzte Tag. Wir fahren „über den Bindestrich“ (so Christoph) vom nördlichen Rheinland nach Westfalen. Unser Ziel: das „Schloss der Arbeit“. So nannten Zeitgenossen die Zeche Zollern in Dortmund. Eine Ikone der Industriekultur, errichtet 1898 in der Kaiserzeit im dekorativen Jugendstil. Auch ich staune, wie schön eine Maschinenhalle sein kann! Viel Glas, organische Formen, Schalttafeln aus Marmor. Ungeheuer schick und repräsentativ das alles.

„Glück auf, der Steiger kommt.“

Unter Tage sah’s ganz leider anders aus. Hitze, Gestank, üble Luft, ein elender Knochenjob. Es ist schon seltsam, dass die Vergangenheit im Ruhrgebiet heute gerne verklärt wird: Der Bergmann – ein Held? Er ist ein armer Wicht, der gerade so seine Familie durchbringt und hofft, dass es die Kinder einmal besser haben werden. Das tolle Museum macht schnell Schluss mit Bergbauromantik. Wir sehen die Lohnhalle und Lampenstube, die „Waschkaue“ mit Sammelumkleide und Duschen: Hoch oben unter der Decke hängen platzsparend die Körbe mit der Kleidung, die man an Ketten hochzog und runterließ. Arbeitskleidung? Arbeitsschutz? Helme? Gab’s nicht. Die Kumpel waren mit 40 erledigt, litten an Staublunge und kaputten Gelenken. Ebenso litten die Grubenpferde. Die hygienischen Bedingungen mag man sich nicht vorstellen. Als „Kübelmajor“ die Abort-Eimer leeren zu müssen, war eine verhasste Strafe. Was für die Industriebarone oben in ihren dekorativen Büros zählte, war allein der Ertrag.

Gut, dass diese Zeit vorbei ist, denken wir und vergessen dabei leicht, dass es anderswo auf der Welt noch genauso läuft. Gut, dass die Zeche Zollern in den 1960ern vor dem Abriss bewahrt wurde, als das erste Denkmal der Industriekultur im Ruhrgebiet.

Beim Mittagessen im ehemaligen Kutschenhaus (wieder keine Currywurst) stärken wir uns für die Heimfahrt nach einer sehr intensiven und eindrucksvollen Reise. Ich vermisse jetzt schon den vertrauten Sound: „Boah ey, Hömma, Wat’n?“  

Wat mut, dat mut!

O.P.: Für mich war es mal wieder eine Reise, auf der ich sehr viel Neues gelernt habe. Ich wusste nicht wie Stahl hergestellt wird, welche ausgefeilte Technik dahintersteckt und wie mächtig diese schweren Industrieanlagen sind. Ich fand es auch sehr interessant, wie man die Renaturierung Stück für Stück hinbekommt und trotzdem das industrielle Erbe bewahrt. Gerne wäre ich für einen Tag in der Zeit zurückgereist und hätte die Lautstärke, den Dreck und den Gestank mit den eigenen Sinnen wahrgenommen – nur um es einmal selbst erlebt zu haben.
Persönlich habe ich einen weißen Fleck auf meiner Landkarte getilgt. Ich war schon so viel in der Welt unterwegs, ins Ruhrgebiet hatte ich es bislang noch nicht geschafft. Da wäre dann hiermit auch ein Haken dran!

Vielen Dank an dich, Birgit, für diesen schönen Bericht!

Schreibe einen Kommentar

You must be logged in to post a comment.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahren Sie, wie Ihre Kommentardaten verarbeitet werden.