Thüringen – mehr als Bratwurst

Dieses Jahr nutze ich die Ostertage, um mich einem blinden Fleck auf der Landkarte zuzuwenden: Thüringen. Ich weiß nichts über dieses Bundesland und war bisher nur auf der Wartburg, das soll sich nun ändern.

Den Anfang macht Erfurt, die Landeshauptstadt. Mit den mir vertrauten Figuren aus dem KiKa fällt der Einstieg leicht. Auch mein Idol Käpt’n Blaubär ist vertreten, mein Musikidol Patti Smith hingegen ist begeistert von Bernd dem Brot.

Bei einer Stadtführung erschließen sich die vielen Facetten der Stadt und das Geheimnis der Krämerbrücke wird gelüftet. Auf wenig Fläche gibt es viel zu sehen, die Stadt wurde im zweiten Weltkrieg kaum getroffen.

Mechanisches Theater von Martin Gobsch

Es ist Karfreitag und die Informationspolitik des Mariendomes zu den Öffnungs- und Schließzeiten ist optimierungsfähig. Die Führungen fallen aus, wie an der Kirchentür angeschlagen ist. Immerhin kann ich noch hineinhuschen, ehe die Kirche ganz geschlossen wird. Auch die benachbarte St. Severi ist einen kurzen Blick wert.

Auf dem Petersberg hingegen nutzen viele das schöne Wetter aus und genießen die Aussicht. Spontan schließe ich mich der Führung an und erfahre, wie hier die Festung als Machtdemonstration der Katholiken gegenüber der protestantischen Bevölkerung gebaut wurde. Später nutzten sie die Franzosen und die Preußen. Auch die sogenannten Horchgänge lernen wir kennen und sehen einen alten Eiskeller, dessen Ursprünge vermutlich bis ins Mittelalter reichen.

Nach einem Nachmittagsbummel und dem Abendessen begebe ich mir zur Führung durch das Augustinerkloster. Der dortige Pfarrer ist sehr engagiert und humorvoll, ich bin positiv überrascht. Zum Abschluss gibt es noch einen Schnaps für alle und ich verabschiede mich von Erfurt.

Sicherlich werde ich noch einmal wiederkommen – vielleicht im Sommer zu den Domstufen-Festspielen?

Der nächste Tag ist Weimar gewidmet. Die Stadt selbst ist nicht groß, hat aber sehr viel zu bieten. So muss man sich entscheiden, was man besser kennenlernen möchte. Ich verschaffe mir erstmal einen Überblick bei einer Stadtführung.

In der Herderkirche hängt ein Altarbild von Lucas Cranach, die Führungen fallen leider auch hier aufgrund der Ostertage aus.

Nach Kaffee und Kuchen im Café Erbenhof geht es zum Rokoko-Saal der Anna-Amalia-Bibliothek. Die vorgeschriebene Verweildauer von 30 Minuten ist eigentlich viel zu wenig, aber man arrangiert sich damit. Die Inhalte des Audioguides (eine App auf dem Handy) kann man zum Glück auch zuhause abrufen.

Nun laufe ich noch zum Goethe- und Schiller-Archiv, dem ältesten Literaturarchiv Deutschlands. Dort gibt es gerade eine kleine Sonderausstellung dazu, wie Goethe schon zu Lebzeiten das Bild von sich formte, das die Nachwelt von ihm haben sollte.

Weil nun die Sonne rausgekommen ist, unternehme ich einen ausgiebigen Spaziergang im Park an der Ilm mit Stopps bei Goethes Gartenhaus, dem Römischen Haus und dem Musterhaus am Horn.

Nach dem Abendessen besuche ich eine Vorstellung im Deutschen Nationaltheater, in dem nicht nur die Schiller seine Werke aufführte, sondern auch 1919 die erste verfassungsgebende Nationalversammlung der Weimarer Republik stattfand.

Die Inszenierung von „Die tote Stadt“ macht mich leider nicht glücklich, dafür die musikalische Leistung von Orchester und Ensemble umso mehr.

Der Sonntag ist Altenburg gewidmet, das erst seit 1990 zu Thüringen gehört. Daher empfinden sich die älteren Bewohner eigentlich eher noch als Sachsen.

Die Partnerin meines Freundes, den ich hier besuche, kommt aus dem Nachbarort und zeigt mir den Ortskern. Anschließend steigen wir zum Schloss auf und nehmen an einer Führung teil. Sowohl Luther als auch Johann Sebastian Bach waren hier. Am bekanntesten ist die Stadt aber für den Sächsischen Prinzenraub, der sich 1455 ereignete.

Der bekannte Scat-Brunnen, in dem man seine Spielkarten taufen kann

Abends besuchen wir noch eine Musical-Vorstellung im dortigen Theater. Die Vorstellung ist ausverkauft und mein Freund (der an diesem Theater arbeitet) und ich tauschen Gedanken dazu aus, wie man den Geschmack des Publikums erkennen muss.

Die Roten Spitzen am Abend

Meinen letzten Reisetag gehen wir gemütlich an und besuchen zuerst die Leuchtenburg. Alles ist schön österlich geschmückt und wir nutzen das gute Wetter für Kaffee und Kuchen auf der Terrasse.

Anschließend geht es weiter nach Jena. Bei einer Stadtführung lernen wir die sieben Wunder kennen, zu denen unter anderem der bekannte Schnapphans gehört. Wir hören davon, wie Schillers und Goethes Freundschaft hier ihren Anfang nahm und wo sich eines der ersten Accouchierhäuser (Entbindungsstation) befand – das übrigens auch auf eine Initiative von Goethe zurückging.

Wie steigen auf einen der Stadttürme und haben eine wunderbare Aussicht auf die Umgebung.

Dem Jen-Tower nun ganz nah beschäftigen wir uns auch mit den Planstadt-Ideen in der DDR und mit der künftigen Stadtentwicklung.

Den Abschluss bildet ein Blick in den Innenhof vom ersten Universitätsstandort in Jena. Ehemals ein Kloster wurden die Gebäude für die Nutzung als Bildungsstätte angepasst.

Mit vielen Eindrücken und dem Wunsch wiederzukommen begebe ich mich zum Bahnhof und trete die Rückreise an.

Julia Rößler nutzt nahezu jede freie Minute für Reisen. In Deutschland hat es ihr vor allem der Osten angetan, der oftmals unterschätzt wird. Nach dieser Reise hat sie direkt mit ihren Eltern den nächsten Erfurt-Besuch geplant. Im Büro kümmert sie sich neben Deutschland auch um Italien, Literatur- und Fernreisen.

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