Veröffentlicht am Autor , Stefan Simonis

Reisetagebuch Andalusien

Die Saison 2017 ist vorüber, wir haben viele schöne Reisen organisiert. Das Hirsch-Reisebuch 2018 ist gedruckt. Zeit den Schreibtisch zu verlassen und selbst auf Reisen zu gehen! Den eigenen Horizont erweitern, Hotels und Reiseleiter kennenlernen, Zeit mit der Frau und den beiden kleinen Töchtern verbringen, vielleicht sogar noch etwas Sonne statt des trüben Karlsruher November-Regen genießen …

3. Tag: Madrid

Mit 320 km/h sind wir Samstag durch Elsaß, Burgund, Lyon und Provence gerast, um uns abends um 20 Uhr bei 18 Grad (!) durch die Gassen und Straßen des lebhaften Montpellier treiben zu lassen und die regionale Küche (echt libanesischer Falafel und Shwarma) unter Palmen zu genießen. Sonntag ging es malerisch entlang des Mittelmeers und durch die Pyrenäen ins Rebellengebiet – Figueres, Girona, Barcelona. Das größte Abenteuer blieb ein überraschender Zugwechsel in Barcelona. Dann weiter durch die Wüste über Tarragona und Zaragossa nach Madrid. Hier sind wir kläglich am Verständnis des lokalen ÖPNV gescheitert. Gut, dass das Hotel nur 30 Minuten zu Fuß vom Bahnhof liegt.

Heute haben wir das Hirsch-Programm absolviert, ohne Museen, wegen des herrlichen Wetters – Plaza Mayor, Königspalast, Plaza Espana, Prado, …. Auf Wunsch zweiter Mitreisender wurde einige Zeit im in allen herbstlichen Farben leuchtenden Retiro-Park verbracht. Und mit unserer Reiseleiseleiterin Almudena Guridi waren wir Kaffeetrinken – viele Grüße nach Karlsruhe!

Morgen geht es mit dem Zug weiter nach Sevilla. Ich dachte der Hirsch-Katalog halte vollumfängliche Informationen bereit, aber wir haben im Reiseführer den ergänzenden Hinweis gefunden, dass Sevilla möglicherweise über die höchste Dichte an Schuhgeschäften weltweit verfügt. Die Vorfreude bei 3/4 unserer Reisegruppe wurde dadurch noch gesteigert, bei gleichzeitig spontan auftretenden Mängeln am aktuellen Schuhwerk.

Das Hirsch-Hotel Ganivet in Madrid
Das königliches Schloss
Plaza Mayor
Im Retiro-Park

Cafe con leche mit Hirsch-Reiseleiterin Almudena Guridi

5. Tag: Sevilla

In gut zwei Stunden sind wir von Madrid durch die Mancha nach Sevilla gesaust. Mir war nicht bewusst, dass Zentralspanien so karg ist. Kein Wasser, keine Landwirtschaft, kaum Orte. Nicht mal Windmühlen.

Die Landflucht scheint verständlich. Das Katalonien-Problem noch nicht ganz. Die Spanier schütteln den Kopf. Man war in den letzten Jahrzehnten politisch auf die Katalanen angewiesen, was Regierungskoalitionen angeht. Dafür haben sie Zugeständnisse erhalten, wie verwöhnte Kinder, denen man gibt um Ruhe zu haben. U.a. Geld und die Hoheit über Erziehung und Bildung. Deshalb bezweifelt der Madrilene ernsthaft, dass Katalonien mehr Geld zahle als andere. Und deshalb haben die Katalanen durch Schule und Uni eine ganz eigene Version der Geschichte, die mit dem, was in anderen Teilen Spaniens unterrichtet wird, wenig gemeinsam hat. Das ist eine Erklärung für die etwas andere Wahrnehmung. Hinzu kommt, dass die Fernsehbilder von Demos und Polizeigewalt, die zuletzt in TV und Internet zu sehen waren, teilweise schon vor 9 Jahren aufgenommen und zusammengeschnitten wurden. Verschwörung, sagt der Madrilene.

Aber keine Tragödie so groß, dass nicht irgendjemand profitieren würde. Den katalanischen Cava, der traditionell an Silvester getrunken wird, boykottieren die meisten Spanier nun. Was zu aufrichtiger Freude und hektischen Produktionssteigerungen bei allen anderen spanischen Sektherstellern führt.

Aber eigentlich wollte ich über Sevilla berichten. Verschwenderische Pracht. Wir logieren in einem historischen Herrenhaus, 50 m von der Kathedrale entfernt, mit Kacheln, Innenhof mit Brunnen, Rissen in der Wand und Telefon mit Wählscheibe.

Übermorgen geht es, wieder mit dem Zug, nach Cordoba. Kostet 50,- Euro für 4 Personen. Für nur etwas weniger kann man in Sevilla eine dreiviertel Stunde Kutsche fahren. Wobei man berücksichtigen muss, dass sich so die Gunst der  Kinder gewinnen lässt, vorher eine mehrstündige Besichtigungstour in Alcazar und Kathedrale geduldig mitzumachen. Das relativiert den Preis.

Es ist aber auch spektakulär. Beim Palast der Herrscher kann ich den unermesslichen Reichtum nachvollziehen – weltliche Herren müssen so sein. Und sie haben es hier über die Jahrhunderte eindrucksvoll umgesetzt. Aber die Kirchen? War nicht Jesus der mit dem Nadelöhr, was Reiche im Himmel betrifft? Man merkt davon nichts, es sei denn die Pracht hätte den selbstlosen Hintergrund die Menschen in Armut zu halten und ihnen so den Weg ins Paradies zu ebnen. Waren die ursprünglichen Goldbesitzer im Amerika des 16. Jhs sicher arg glücklich drüber.

Glücklich bin ich persönlich mit dem Essen. Morgens gibt es ein kleines Frühstück mit Kaffee und etwas Süßem. Nach 10 Uhr ein etwas größeres Frühstück. Gegen 13 Uhr die Tapas vor dem Mittagessen. Ab 14 Uhr das Mittagessen (anschließend Siesta). Ab 16.30 Uhr Kaffee und Kuchen. Ab 19 Uhr Tapas und Aperitif, ab 21 Uhr Abendessen. Wobei wir ehrlich gesagt die Hauptmahlzeiten weglassen und uns auf die Tapas konzentrieren – das reicht nach normalen Maßstäben völlig aus. Heute mittag hatten wir eingelegte Karotten, Mini-Spiegelei mit Speck, Schafskäse, Bratkartoffeln mit Tomatensoße, Schinken (der schmeckt wahrhaft zum Niederknien), Schweinesteak, Schokotorte, Käsekuchen. Wobei die Kinder sich noch ein klein wenig anstellen – aber nach 4 Tagen trocken Brot sind sie jetzt so weit, vieles zu probieren.

Die Kathedrale von Sevilla
Im Alcazar
In den Gärten
Das Grab des Kolumbus
Plaza Espana – Erbe der Weltausstellung
Vor der Stierkampfarena
Hirsch-Hotel Fernando III in Sevilla

8. Tag: Cordoba

Ein herrliches Städtchen. Die „maurische“ Herrschaft ist nun zwar ein paar Jahre her, aber in der Altstadt fühlt man sich wie in der Medina von Tanger – nur sauberer und weniger zwielichtig. Wenn man mit Familie reist, ist das ja auch gut so.

Das heutige Kulturprogramm war umfassend – die Mesquita und der Alcazar standen auf dem Plan. Die Mesquita ist einmalig. Über 800 Säulen in einem schlichten „Raum“ (ein sehr großer Raum), mit einer prachtvollen Mirhab. Man denkt an die große Moschee in Damaskus, aber es riecht besser, weil niemand die Schuhe ausziehen muss. Leider gab Karl im 16. Jh. die Erlaubnis, mittendrin den Altarraum einer Kathedrale hochzuziehen. Selbst der König sprach danach anschließend: „Ihr habt etwas weltweit Einmaliges zerstört.“ Wie vor allem der üppige spanische Barock im Vergleich zur schlichten Schönheit der islamischen Architektur wirkt, kann man sich vorstellen.

Und das ist nur einer der Momente, in denen man sich fragt, ob die Menschheit seitdem hinzu gelernt hat. 250.000 Menschen lebten hier einst friedlich zusammen, Juden, Moslems, Christen. Dann kamen die Fanatiker, und vorbei war es mit der Herrlichkeit.

Im Hof der Mesquita war nach unserem Besuch große Stimmung – 5 Kerle mit 2 Gitarren und satten Stimmen haben musiziert und alle Damen ringsherum verzückt, insbesondere einen andalusischen Junggesellinnenabschied. Die zukünftige Braut, die mit einem der Herren tanzen durfte (begleitet von lauten „Ole!“-Rufen), wurde allerdings schnell von einer älteren Dame weggerammt, die auch mit dem jungen Mann tanzen wollte. Sie trieb es dann so toll, dass sie das Gleichgewicht verlor und zu Boden ging.

Im Alcazar waren vor allem die Gärten ein Traum – Wasserspiele, Irrgärten, Palmen, Blumenpracht. Ich hatte ja nun schon das Glück islamische Gärten in Indien und im Iran zu bestaunen, und das hier ist in meinen laienhaften Augen durchaus ebenbürtig. Nebenbei wurden genau hier die Pläne geschmiedet, den Westweg nach Indien und damit Amerika zu entdecken.

Den Nachmittag haben wir, mit vielen einheimischen Familien, in der „Ciudad de los ninos“ verbracht – ein großer Spielplatz außerhalb der Stadtmauern, mit Tunnelrutschen, die deutschen Helikoptermüttern den kalten Schweiß auf die Stirn treiben würden. War eine sehr schöne Anlage, und kostete den stolzen Eintritt von 1,- Euro pro Person.

Wenn man sich zurecht gefunden hat ist es sowieso recht günstig. Für 7,- kann man zu viert frühstücken. Und in den meisten Kneipen kostet das Bier zwischen 1,10 und 1,50 Euro. Heile Welt, könnte man denken, aber die Armut ist groß, nicht nur wegen „La crisis“. Schon in Sevilla gab es viele arme Menschen und Obdachlose. Die Suche nach einem Waschsalon war lehrreich, wir mussten durch die halbe Stadt laufen. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei 50 %, und wer Arbeit hat verdient selten über 1000,- im Monat. Deshalb wohnen fast alle unter 30-jährigen noch daheim. Und wer bei Muttern wohnt braucht natürlich keinen Waschsalon.

Auch wenn die Menschen wenig Geld haben – sie genießen das Leben in den unzähligen Tabernas, Cervezerias, Cafes, etc. Man isst und trinkt gefühlt rund um die Uhr. Mittlerweile nehme ich an, dass in andalusischen Venen Olivenöl statt Blut fließt, in solchen Mengen wird es konsumiert. Abends um 8, vor dem Abendessen, geht es auf die Straße, schön zurecht gemacht, mit Kindern, Jungen und Alten, und es wird flaniert. Das machen wir gerne mit, Schaufenster gucken, und schöne Frauen. Ich vermute der Lippenstift-Umsatz in Andalusien liegt bei einem Vielfachen des deutschen. In Cordoba gibt es sogar einen Weihnachtsmarkt, bei 18 Grad abends allerdings ohne Glühwein.

Morgen schauen wir die Madinat al-Zahra an. Und übermorgen fahren wir mit dem Überlandbus nach Ubeda. Da geht es weg vom Islam, in die Renaissance.

Mezquita von oben
Römische Brücke, arabische Mezquita, spanische Kathedrale
Die berühmten Säulen
Die Mirhab
Garten? Kunst?
Im Alcazar von Cordoba
Das Museum zu Füßen der Märchenstadt
Madinat al-Zahra
Spielplatz mit Bierausschank. Wie praktisch.

11. Tag: Úbeda

Nach dem Kalifat des Abd ar-Rahman (die Ruinen der Palaststadt Madinat al-Zahra bei Cordoba waren den Besuch sehr wert) sind wir 600 Jahre später gelandet. Im 16. Jh. haben hier einige Familien offensichtlich ein Vermögen verdient und damit in Immobilien gemacht, zu einem Zeitpunkt, als die Architektur der Renaissance aus Italien rüber schwappte.

Woher dieses Geld gekommen sein könnte ist nicht zu übersehen – Olivenbäume, so weit das Auge reicht. Angeblich kommen 17 % der weltweiten Produktion aus dieser Gegend. Wobei vermutlich nichts anderes wächst. Es ist staubtrocken, man weiß gar nicht mehr wie Wolken aussehen. Der Klimawandel hilft nicht. Was die Menschen nicht davon abhält, sich auch durch die engsten Gassen mit dem Auto zu quälen, anstatt einfach ein paar Meter zu laufen. So richtet man sich aus Bequemlichkeit weiter zugrunde. Sollen doch zuerst die anderen was ändern. Oder die Politiker. Wie im Kindergarten.

Die Altstadt von Ubeda ist mit ruhig noch euphorisch beschrieben. Die touristische Saison ist vorbei, und sowieso machen die meisten Gäste nur tagsüber auf der Durchreise einen Stopp. Viele Einheimische wollen nicht mehr in der Altstadt leben: die Häuser sind teuer zu unterhalten, es mangelt an modernem Komfort, und Parkplätze gibt es auch nicht. Gestern abend waren wir nach Einbruch der Dunkelheit auf einem sehr hübschen Renaissance-Platz alleine mit den historischen Kulissen. An den Wochenenden ist aber angeblich voll, denn das Städtchen ist für seine hervorragenden Restaurants bekannt.

Immerhin übernachten wir auf der Hirsch-Wanderreise regelmäßig hier, wir wohnen im gleichen Hotel, Maria de Molina. Ein sehr schönes Herrenhaus aus dem 16. Jh., direkt im Zentrum, mit luxuriösen 3 Sternen. Letzte Woche waren wir nur in 1*-Etablissements. Wobei das vollkommen ausreichend war. Ehrlich gesagt könnte ich nicht sagen, wo man noch mehr Komfort braucht.

Das gilt auch fürs Frühstück, an das wir uns sehr gut gewöhnt haben. Ein Cafe con leche (pur ist der Kaffee zu stark), und ein geröstetes Brot, auf das man sich selbst Olivenöl kippt, dann Tomatenmatsche, dann Salz. Alles zusammen für 2,- Euro. Ein guter Start in den Tag.

Unsere Kinder werden so mit Süßigkeiten vollgestopft, dass sie nicht mal mehr einen Nachtisch fordern. Alles was nicht Fleisch ist, ist süß – Gebäck, Schokolade, Kakao, … Gesunde Ernährung wird hier anders interpretiert. Die einheimischen Kinder scheinen sich hauptsächlich von Chips und Süßgetränken zu ernähren. Zumindest alle, die wir bisher gesehen haben (sie kommen unter der Woche erst gegen 18 Uhr an die Luft, vorher sind sie in Kindergarten/Schule). Ein Phänomen ist, wie sauber und ordentlich sie sind. In den Fußgängerzonen ist jeder dritte Laden ein Geschäft für Kinderbekleidung, viele Kinder sind ausgestattet wie die Püppchen. Entsprechend gibt es auch keine Sandkästen auf den Spielplätzen. Nur unsere schaffen es stets nach kürzester Zeit wie Straßenkinder auszusehen.

Hirsch-Hotel Maria de Molina in Ubeda
Italien?
Prachtvolles Kirchenportal in Ubeda
Streets of Ubeda
Oliven bis zum Horizont

14. Tag: Granada

Die Fahrt von Úbeda nach Granada war sehr schön. Die Busse sind gut, mit WLAN, Steckdosen, WC und angenehmen Fahrern (adrett mit Krawatte gekleidet). Es ging durch Olivenfelder und Berge, wir durften in der ersten Reihe sitzen, die Kinder haben geschlafen, und der Musikgeschmack des Fahrers hat mit meinem übereingestimmt. Im Unterschied zu anderen Ländern liegen die Busbahnhöfe meist recht zentral. Das ist angenehm für den Weg Hotel – Busbahnhof – Hotel, aber ein ziemliches Geeiere, wenn man mal im Bus sitzt. Aber sei´s drum, wir haben Zeit, und so sehen wir auch was von den Orten unterwegs.

Das Ankommen in Granada ist beeindruckend, vor der Kulisse der schneebedeckten Sierra Nevada. Der Busbahnhof liegt zwar auch hier relativ zentral, aber am entgegengesetzten Ende der Stadt, wenn man hoch zur Alhambra (und damit zum Hirsch-Hotel Alixares, das direkt neben dem Haupteingang liegt) will. Das Zentrum von Granada liegt im Tal. Auf dem einen Hügel der Albaicin, das alte muslimische Viertel. Auf der anderen Seite der Alhambra-Hügel. It´s magic.

Das Hirsch-Hotel ist von außen nicht besonders, aber es liegt direkt oben am Eingang der Alhambra, mit herrlichem Blick auf die Umgebung. Zu Fuß sind es nur 15 Minuten in die Stadt, auf diversen Wegen. Alle paar Minuten fahren kleine Busse zwischen Alhambra und Zentrum, für wenig Geld. Im Hotel sind außer uns täglich 1-2 japanische Gruppen, wie es das Klischee will: diszipliniert, schnell, müde, aber zäh, mit Atemschutz, die Welt durch ihren Fotoapparat (oder Smart-Phone oder Tablet) sehend, mit vollem Programm – teilweise brechen sie abends um 21 Uhr noch zu Besichtigungen auf!

Um die Stadt und vor allem die Alhambra zu beschreiben, müsste ich Schriftsteller sein, mit Worten Bilder malen können. Es ist erst die Hälfte unserer Reise rum, aber ich lege mich fest: etwas Schöneres werden wir nicht mehr sehen. Aus Hilflosigkeit zitiere ich sachlich Washington Irving und seine „Erzählungen aus der Alhambra“. Das ist zwar von 1832, es hat sich aber nichts geändert: „Die Alhambra ist eine alte Veste oder ein ummauerter Palast der maurischen Könige von Granada, wo sie über ihr gerühmtes irdisches Paradies geboten, und wo ihre Herrschaft in Spanien am längsten währte. Der Palast nimmt nur einen Teil der Festung ein, deren Mauern, mit Türmen besetzt, sich unregelmäßig um den ganzen Kamm eines stattlichen Hügels ziehen, der die Stadt überschaut, und ein Vorsprung der Sierra Nevada oder des schneeigen Gebirges ist.“ Oder, wie es der Reiseführer schreibt: „Die Alhambra ist Granadas – oder ganz Europas – Liebesbrief an die maurische Kultur, ein Ort, an dem Springbrunnen plätschern, Blätter rascheln und Geister längst vergangener Zeiten auf mysteriöse Weise präsent sind.“ Nach 3 Stunden Staunen waren wir geradezu erschöpft vor Schönheit.

Spätnachmittags sind wir auf den anderen Hügel, den Albaicin, gefahren. Das Viertel hat ein besonderes Flair, ist quasi der Montmartre Granadas. Von hier hat man einen herrlichen Blick auf die Stadt und die Alhambra in der untergehenden Sonne. Der Platz ist bunt gefüllt, mit Roma (mit Gitarre und klagendem Gesang), Hippies, Malern, Touristen. Nach Einbruch der Dunkelheit sind wir ins Hotel gefahren. Für einen Tag war es mehr als genug.

Heute haben wir ruhiger gemacht. Nur eine der eindrucksvollsten Kathedralen der Welt und die Grabkapelle von Ferdinand und Isabella. Die beiden haben das Weltgeschehen doch nachhaltig geprägt. Das schöne in der Grabkappelle: Fotografieren verboten. Da merkt man erst, wie nervig diese omnipräsenten Smartphones und unseligen Selfiesticks sind. Ich kann schwer nachvollziehen, dass man tausende Kilometer reist, nur um Bilder von sich selbst zu machen.

Hirsch-Hotel Alixares in Granada – direkt neben der Alhambra!
Hügelig – in den Gassen von Granada
Im Nasriden-Palast der Alhambra
Legendärer Löwenhof
Hübscher Blick aus den Gärten des Generalife
Herbstliche Pracht von der Festung
Der berühmte Blick vom Albaicin
Kathedrale im Gassengewirr
Kathedrale von Innen – majestätisch

16. Tag: Malaga

Wir sind mit einer Art Luxusbus von Granada hierhergekommen, mit Dreierbestuhlung, kostenlosem Getränk, Bildschirmen an jedem Sitz und individuellem Onboard Entertainment-System – zur Auswahl diverse Filme, Serien, Musik und  die interaktive Karte zum Nachverfolgen der Fahrstrecke. Schade, dass die Fahrt nur knapp 2 Stunden dauerte. Malaga selbst überrascht. Marta sagte gleich nach dem Aussteigen: „Hier möchte ich für immer bleiben“. Lag daran, dass direkt ein Spielplatz unter Palmen und einige Pferdekutschen in Sicht waren. Es wundert mich aber nun nicht mehr, dass die Hirsch-Gäste bei der Frühjahrsreise so zufrieden waren. Das ideale Städtereiseziel im tristen November. Die Stadt erinnert an Marseille: einst zwielichtiges Loch, jetzt herausgesputztes Schmuckstück voll Kunst und Kultur. Und Strand und Sonne mit deutlich über 20 Grad. Wobei die Einheimischen sagen, dass es aktuell tatsächlich ungewöhnlich warm sei. Noch liegen die Menschen am Strand und baden im Meer, aber ab morgen soll es kälter werden.

Gestern abend haben wir uns mit den beiden Hirsch-Reiseleiterinnen Frau Petke und Frau Regenyi getroffen und anschließend das Weihnachtsprogramm genossen. Einige Marketing-Menschen haben entschieden, die Stadt zur spanischen Weihnachtshauptstadt zu machen. Überall blinkt und leuchtet es, und jeden Abend findet eine große Light- und Musik-Show auf der Haupteinkaufsstraße statt („Feliz Navidad, dada dadada“..). Ganz Malaga war auf den Beinen.

Heute dann die Besichtigungen – hübsche Innenstadt, herrliche Kathedrale, Geburtshause von Picasso, Burg mit schönem Blick auf die Stadt (und  die Stierkampfarena, eingepfercht zwischen Hochhäusern), Hafen, Strand, unzählige Restaurants und Cafés, Promenaden, …. Vor  dem Abendessen durfte ich alleine zwei Stunden ohne Familie ins Picasso-Museum. Es gäbe noch mehr hochwertige Museen (Carmen Thyssen, Centre Pompidou, Centro de arte contemporaneo,…), aber da reicht die Zeit nicht mehr. Morgen geht es in die Berge, nach Ronda.

Hirsch-Hotel Don Curro in Malaga
Dezente Weihnachtsbeleuchtung in der Fußgängerzone
Stadtansichten
Picassos Elternhaus
Picasso?
Amphitheater und Burg
Stierkampfarena zwischen Häuserblocks
Sonne! Strand!
Malaga vom Hafen aus
In Malaga mit den Hirsch-Reiseleiterinnen Simone Petke (Mitte) und Judith Regenyi (rechts)

18. Tag: Ronda

Ronda liegt spektakulär, der Ort drängt sich am äußersten Rand einer 100 m hohen Felsklippe. Das Hirsch-Hotel Polo ist, um einen etwas altmodischen Begriff zu nutzen, ganz reizend. Die gut 30 Zimmer sind liebevoll eingerichtet, das blau-weiße Treppenhaus mit gerahmten Stierkampfpostern geschmückt. Es gibt eine kleine Dachterrasse mit vollem Kühlschrank zur Selbstbedienung (Abrechnung ist Vertrauenssache), und direkt nebenan eine Konditorei mit allerlei Köstlichkeiten. Keine 100 m entfernt ist ein schöner Park, der bis zum Rand der Klippe reicht, mit atemberaubendem Blick in die Landschaft. Zur berühmten Brücke über die Schlucht sind es 5 Minuten zu Fuß.

Berühmt ist Ronda, neben seiner einzigartigen Lage, außerdem für den Stierkampf. Die Arena ist unter „aficionados“ legendär. „Fiesta“ spielt zwar in Pamplona, ich fühle mich aber stark daran erinnert. Natürlich war Hemingway oft hier, so wie Orson Welles, und ein Haufen Romantiker (Rilke und Co). Und da wir historische Monumente in den letzten Tagen und Wochen zur Genüge hatten, lag unser Besichtigungsschwerpunkt heute auf der plaza de toros, die mit einem eigenen Museum aufwartet. Originell die Kostüme und Geschichten, originell auch die Japanerinnen, die in der Arena mit roten Schals prustend eine corrida nachstellen. Zur Glückseligkeit der Mädels wurde in der Reithalle gerade ein Andalusier (also ein Pferd, kein Mann) trainiert. Sie hätten Stunden zuschauen können.

Der Fokus der Kinder ist sowieso manchmal etwas anders. Die Brücke über die Schlucht ist spektakulär, aber was ist das im Vergleich zu den Straßenarbeitern, die Stein für Stein entlang ihres Lots die Straße pflastern (dieser Faszination erliegen übrigens nicht nur Kinder, sondern auch ältere Herren).

Hirsch-Hotel Polo in Ronda
Platz in der „Neustadt“
Tapas!
Ronda von der Hotelterrasse
Städtchen am Abgrund
Die Brücke
Japanerinnen bei der Corrida
Werbung für die Profis

21. Tag: Cadiz

Auf der Fahrt nach Cadiz schüttete es wie aus Kübeln, und der Bus hat jedes noch so abgelegene Bergdorf angefahren. 3 ½ Stunden waren für die 150 km geplant (es sind dann 4 Stunden geworden). Teilweise flossen die Felder über die Straße, eine knietiefe Wasser-Schlamm-Mischung. Bus und Fahrer waren rustikaler dieses Mal, ohne Krawatte, nicht angeschnallt, mit zügiger Fahrweise und ohne Bedenken, sich auch in den schärfsten Kurven mit dem Hintermann zu unterhalten (inklusive Blickkontakt).

In Cadiz haben wir festgestellt, dass die Schlammlawine auch durch den Gepäckraum des Busses geflossen ist. Außer uns waren nur Einheimische auf dem Weg in die Stadt im Bus, wir waren die einzigen mit Gepäck. Quer durch den Busbahnhof haben wir eine feuchte Schlammspur gezogen. Mittlerweile ist alles gewaschen (Kinderwagen, Rucksäcke, Klamotten) und sogar getrocknet. So eine Wäscheleine im Gepäck ist doch sehr praktisch.

Den gestrigen Tag haben wir dem leuchtenden Cadiz gewidmet. Die Stadt ist 3000 Jahre alt und damit angeblich die älteste durchgehend bewohnte Stadt Europas. Und sie ist flimmerndes Licht: die Häuser weiß, der Himmel blau, und von drei Seiten brandet der Ozean. Es gibt nicht die eine Sehenswürdigkeit, aber in den engen Gassen die Orientierung zu verlieren ist eine Freude. Cadiz ist auch die Stadt der Türme, auf denen die Kaufleute einst saßen und nach ihren Schiffen Ausschau hielten. Einen haben wir erstiegen, mit einer „Camera Oscura“ oben – Google Earth in Echtzeit mit Hilfe von zwei Spiegeln! Cadiz ist auch die Stadt der frittierten Meeresfrüchte. Praktisch alles, was aus dem Wasser kommt, wird frittiert und als Tapa angeboten. Und dazu ein Gläschen Wein, Bier oder Sherry. Offen gesagt haben wir noch keinen Erwachsenen gesehen, der nach 11 Uhr ein nicht alkoholisches Getränk zu sich genommen hat – cafe con leche ausgenommen. Als guter Reisender passt man sich an.

Kathedrale am Meer
Havanna? Cadiz!
Blick vom Dach der Kathedrale
Stadtstrand
In der Festung
Hübsche Gassen

24. Tag: Cadiz

Die letzten beiden Tage haben wir den Kindern und uns etwas Müßiggang gegönnt. Sie haben sich die ganze Reise so gut benommen (und wenn nicht half die Drohung „wenn Du nicht brav bist gucken wir noch zwei Kirchen mehr an“), da darf es auch mal ein Spielplatz- und Strandtag sein. Wobei uns gestern der eisige Wind fast weggeblasen hätte, während wir auf einer ca. 3 m breiten Promenade ins Meer hinaus liefen. Der Ozean schlug so bewegt an die Mauern, dass Marta bemerkte sie habe noch nie ein Meer gesehen, das so weit bis zum Rand ginge.

Ein großes Amusement war das hiesige „Eislaufen“ im Kreise spanischer Familien. Es sah alles ganz echt aus, wir hatten uns echte Schlittschuhe ausgeliehen, die Musik spielte weihnachtlich, aber – die Eisfläche war aus Plastik! Es hat die Kinder nicht gestört, dass sie als einzige extra Regenhosen anhatten. Wir waren so stolz daran gedacht zu haben!

In den Gassen von Cadiz finden wir uns nun ohne Stadtplan zurecht und hatten Zeit genauer zu beobachten. Die Andalusier sind angenehm ruhig und unaufgeregt, und sehr höflich im Umgang miteinander. Stress ist ein Fremdwort, man hat immer Zeit für ein Schwätzchen (was zugegebenermaßen auf Kosten der Produktivität geht). Letzteres gilt insbesondere für die Andalusierinnen. Die können sehr laut und sehr viel reden. Es ist nicht ausgeschlossen, dass die Männer nicht freiwillig ruhig sind, sondern nicht zu Wort kommen. Aber für sie gibt es stille Refugien, Orte des Friedens, dunkle Kaschemmen mit langen Tresen, in denen man ruhig seinen Cognac, sein Bier oder seinen Wein schlürfen kann, mit einem verständnisvollen Wirt hinter der Theke.

Für Männer, Frauen und Kinder gilt: es gibt hier noch die „Sonntagskleidung“. An den Wochenenden wird sich fein gemacht, bevor es auf die Straße geht. Das ist wohl der Grund, warum auf keinem Spielplatz Sand zu finden ist. So machen sich die Kinder nicht schmutzig. Es müssen sogar Verbotsschilder für Mütter aufgestellt werden, damit sie den weichen Spielplatzuntergrund nicht mit ihren hochhackigen Schuhen betreten. Wäre bei uns daheim eher nicht nötig.

Ein Grund dafür, dass es diese Sonntagskleidung gibt, ist sicherlich, dass hier noch eine richtige Arbeiterschicht wie aus dem Lehrbuch existiert. Da wird malocht und nicht im Büro gesessen. Und, wenn man den Straßengraffitis glauben möchte, sind immer noch die Kämpfe zwischen „Antifa“, Kommunisten, Anarchisten und Rechten im Gange. Man fühlt sich in eine andere Zeit versetzt.

Uns voraus sind sie im Umgang mit Menschen mit geistiger Behinderung. Die trifft man hier, im Gegensatz zu uns, sehr viel häufiger, auf Klassenausflügen, Gesangsauftritten, beim Einkaufen, Tanzen, auf Spielplätzen (wo es auf vielen sogar spezielle Schaukeln gibt, von denen man nicht so leicht herunter fällt). Während man bei uns diskutiert, wird Inklusion hier einfach gemacht.

Was wir auf der Reise natürlich auch beobachten konnten, sind Menschen anderer Nationen – vor allem in der Alhambra. Da  wird so manches Klischee erfüllt. Die Japaner, zäh, höflich und mit unglaublichem Programm, abertausende von Fotos schießend. Die Chinesen, laut und eher aggressiv. Die Franzosen, etwas chaotisch, diskutierfreudig, mit Schwerpunkt auf mehrgängigen Mittag- und Abendessen. Die Amerikaner, gut genährt und temperaturunabhängig in kurzer Hose und T-Shirt, begeisterungsfähig und mit „Coffee to go“ in der Hand. Die Deutschen, sehr ernsthaft und als einzige alle Vorschriften befolgend, mit Outdoorjacke und hochwertigem Reiseführer.

Und dann, in Cadiz, die Kreuzfahrer. Vorgestern war die Queen Elizabeth hier, man sah sie überdimensioniert vor der Altstadt thronend. In der Stadt hielten sie sich zurück, nur einige höfliche ältere Engländer flanierten durch die Gassen. Heute, der Albtraum, die Aida. Knapp 8 Stunden waren sie in der Stadt, laut, lärmend, meckernd, massenhaft, bevor es wieder ruhig wurde. Einzeln sind das sicher ganz nette Leute, aber es waren so viele auf einmal!

Die letzten Abende habe ich mit Lektüre über den spanischen Bürgerkrieg verbracht. Wenn man gerade gelesen hat, wie traumatisch und schrecklich diese Zeit war, nachdem u.a. die deutsche Legion Condor hier in Cadiz eingefallen ist, erschrickt man etwas, wenn 80 Jahre später wieder Horden von Deutschen auftauchen. Auch wenn ein Vergleich sicher nicht angemessen ist. Und natürlich ist es schwer sich unauffällig und rücksichtsvoll zu verhalten, wenn man in solchen Massen auftritt.

Wie dem auch sei – es gäbe noch viel Interessantes zu erzählen (wir waren gestern z.B. im hiesigen Museum, klein aber fein, mit großen Schätzen von den Phöniziern über die Römer, von Zurbaran bis Miro), aber morgen früh beginnt die Rückreise, damit wir Freitagabend wieder in Karlsruhe sind.

Plastiklaufen
Gran Teatro Falla
Finde den Fehler
Diskreter Spielplatz-Hinweis für spanische Mütter
Das Museum von Cadiz. Klein, aber fein.
Von Antike …
… bis Zurbaran.

27. Tag: Montpellier

Letzte Etappe der Reise. Der gestrige Tag in Madrid hielt nochmals einen Höhepunkt parat: einen Besuch im Prado. Das war natürlich das Beste vom Besten. Man muss sich kneifen um nicht zu vergessen, dass es sich nur um Farbe auf Leinwand handelt. Da gibt es Bilder, die entwickeln geradezu einen Sog. Sie erzählen keine Geschichten, sondern Romane, Tragödien, Satiren, von Menschen und Familien, Himmel und Hölle, Religion und Sitten, Hoffnung und Angst, Historie und Fantasie. Sie philosophieren, stellen bloß, beschwören, erklären. Man könnte sich ganze Schulstunden beim Betrachten sparen. Farbe auf Leinwand.

Nach guten zwei Stunden waren wir voll, obwohl wir uns fast nur auf die Spanier konzentrierten und Maler wie Tizian, Raffael oder Rubens komplett außen vor ließen. Für die Kinder gab es vom Prado nette Rätselspiele, mit deren Hilfe sie einzelne Bilder genau betrachteten und z.B. bestimmte Details suchen mussten, so dass auch sie gut mithielten.

Anschließend ging es zum Auslüften in den Retiro-Park. Halb Madrid zwischen 1 und 100 Jahre war dort, da Feiertag – nein, nicht Nikolaus, sondern Tag der Verfassung. Man flanierte und promenierte, schwätzte und tratschte, fuhr Boot und snackte, sah Straßenkünstlern und Musikanten zu, spielte und ließ die Kinder rennen. Die andere Hälfte der Madrilenen (und einige Real und BVB-Fans) hielten sich in den Fußgängerzonen des Zentrums inklusive Plaza Mayor auf. Es war so viel Trubel, dass wir Umwege zum Hotel liefen, um überhaupt durchzukommen.

Tja, und morgen abend sind wir wieder daheim. Es war im wahrsten Sinne des Wortes eine horizonterweiternde Reise. Wie haben viel gelernt von den „Mauren“, der Reconquista, Ferdinand und Isabella „La Catolica“, von Handelsmonopolen und Siglo d´Oro, von Bürgerkrieg und Franco-Diktatur, von spanischen Familien und andalusischen Bräuchen, von Armut und Autonomie, von Politik und Gesellschaft, von Essen und Trinken, von Hirsch-Hotels und Hirsch-Reiseleitern, von den Segnungen und Problemen des Tourismus. Die Kinder verfügen nun über einen Grundwortschatz Spanisch. Und der Nikolaus brachte kleine Flamenco-Kleidchen.

Der Atocha-Bahnhof in Madrid
Der Atocha-Bahnhof von innen – mit Palmengarten!
Mekka der Kunst – der Prado
Wieder im Retiro-Park
Madrid City Centre Anfang Dezember