Reisen in Corona-Zeiten. Interview mit Andreas Hirsch

Die Reisesaison 2021 ist wie 2020 von der Corona-Pandemie geprägt. Wie geht man als Reiseanbieter mit den vielen neuen behördlichen Vorgaben um und welche Auswirkungen haben diese auf die Reisen? Und wie läuft die Saison 2021 im Allgemeinen? Wir haben mit einem gesprochen, der es wissen muss. Andreas Hirsch, geschäftsführender Gesellschafter beim Karlsruher Kultur-Reiseveranstalter Hirsch Reisen gibt einen Einblick.

Fotos: © Andreas Lubitz PR

Andreas Hirsch © Andreas Lubitz

Reisezeit-online: Herr Hirsch, wie läuft die Saison 2021?

Andreas Hirsch: Wir sind zufrieden! Obwohl wir bis Mitte April 2021 wegen des Lockdowns keine nennenswerten Buchungen zu verzeichnen hatten, hat die Nachfrage seitdem – parallel zu den sinkenden Inzidenzen – deutlich angezogen. Am 9. Juni startete unsere erste Reise und viele folgten. Wobei sich die Anpassung unseres Sortiments auf den Schwerpunkt Deutschland und die EU-Nachbarstaaten als goldrichtig erwiesen hat. Auch können wir uns glücklich schätzen, eigene Reisebusse zu betreiben, weil erdgebundene Reisen im Moment besser gebucht werden als Reisen mit Fluganreise.

Gibt Ihnen die Corona-Krise besondere Aufgaben bei der Organisation der Reisen?

Andreas Hirsch: Das kann man wohl sagen! Die behördlichen Corona Verordnungen regeln jedes Detail und waren anfangs in manchen Punkten praxisfremd. Wir haben uns sehr angestrengt, das korrigieren zu lassen. Sowohl über unseren Arbeitgeberverband WBO als auch über unsere Landtagsabgeordneten, die wir über Schieflagen informiert haben. Auch beim Petitionsausschuss des Landtages Baden-Württemberg haben wir unsere Stimme erhoben. Das hat recht gut funktioniert und die Politik hatte ein offenes Ohr.

Ist dann alles in Ordnung?

Andreas Hirsch: Es gibt noch viel zu tun! Der Verwaltungsaufwand für die Organisation der Reisen ist viel größer geworden, z.B. müssen wir in Belgien, Italien und den Baltischen Staaten alle Teilnehmer online anmelden, bevor sie die Grenze übertreten können. Viele Museen und Besichtigungspunkte verlangen für die Kontaktnachverfolgung eine Registrierung der einzelnen Teilnehmer und haben anfangs keine Teilnehmerlisten akzeptiert, die unser IT System automatisch produziert. Für viele hundert Reisende pro Woche ist das ein enormer Aufwand, jede Institution hat eigene Lösungen und wir müssen alles von Hand eingeben. Bis wir nicht immun sind, wird sich das fortsetzen.

Immunität, das wäre die nächste Frage, können Sie eine Impfquote Ihrer Reisegäste nennen?

Andreas Hirsch: Die Impfquote unserer Reisegäste ist glücklicherweise von Anfang an hoch gewesen und steigt laufend an. Im Juni sind wir mit ca. 80 % gestartet und die Abreisen im August haben schon über 90 % Geimpfte verzeichnet. Für September und Oktober sehen wir bei vielen Terminen jetzt schon 100 %. Da wir laut Corona Verordnungen die 3G Nachweise kontrollieren müssen, also wissen müssen, wer geimpft, getestet oder genesen ist, bevor wir Zutritt gewähren, können wir das so genau beziffern.

Machen Sie Unterschiede zwischen den 3 G, also zwischen geimpften, getesteten und genesenen Reisegästen?

Andreas Hirsch: Wir machen keine Unterschiede, sondern setzen lediglich die behördlichen Verordnungen um! Das ist ja das Besondere an dieser Situation, dass wir als Veranstalter durch die Verordnung verpflichtet sind, Nachweise zu kontrollieren, bevor Zugang gewährt werden darf. Eigentlich sind das hoheitliche Aufgaben, die wir für den Staat ausführen. Aber es ist ja sinnvoll, um das Infektionsrisiko zu minimieren und so viele Kontrolleure hat kein Staat.

Gibt es Probleme bei den Kontrollen?

Andreas Hirsch: Unsere Gäste sind sehr diszipliniert und verhalten sich vorbildlich. Sie zeigen dem Fahrer ihren Impfausweis bzw. das digitale COVID-Zertifikat der EU vor, sodass die Kontrollen in wenigen Minuten erledigt sind. Es gibt keine Diskussionen mit unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, denn sie haben die Vorschriften ja nicht gemacht. Bisher mussten wir genau eine Person nach Hause schicken, weil sie keinen Nachweis dabeihatte – und das bei bis jetzt über 1100 beförderten Reiseteilnehmern. Das läuft reibungslos und dafür sind wir unseren Gästen sehr dankbar!

Für einige Ihrer Zielgebiete gilt auf Grund hoher Inzidenzzahlen ein Reisewarnung. Können die Reisen dorthin stattfinden?

Andreas Hirsch: Im Moment wird die Inzidenz als alleinige Richtgröße für die Corona-Maßnahmen von der Politik in Frage gestellt und sehr wahrscheinlich bald fallen. Auf Grund dieser Zahl werden aktuell noch Reisewarnungen ausgesprochen. Wir haben in der Vergangenheit erlebt, dass sich diese Reisewarnungen wöchentlich ändern. Wir teilen hier die Einschätzungen der Politik. Auf Grund der hohen Impfquote bei unseren Gästen sehen wir keinen Grund mehr, ein Zielgebiet mit Reisewarnung auf Grund hoher Inzidenzen nicht anzusteuern. So ermöglicht das Auswärtige Amt z.B. für Frankreich trotz Teilreisewarnung für vollständig gegen COVID-19 geimpfte Personen die Einreise nach Frankreich, unabhängig von der französischen Einstufung des Herkunftslandes in die Kategorie „grün“, „rot“ oder „orange“. Das bedeutet für uns als Reiseveranstalter, dass Geimpfte und Genesene unbesorgt einreisen können. Allerdings müssen Ungeimpfte einen negativen PCR- oder Antigen-Test nachweisen und zudem eine Erklärung zur Symptomfreiheit abgeben. Für alle gilt, dass sie sich mit dem digitalen COVID-Zertifikat der EU ausweisen müssen. Wir führen also mittlerweile auch Reisen in Länder durch, vor denen das Auswärtige Amt warnt, weil fast alle unsere Reisegäste immunisiert sind. Ein großer Fortschritt! Anders ist das natürlich bei Reisewarnungen aus anderen Gründen. Diese Ziele werden weiterhin von uns nicht bereist. Sicherheit und Gesundheit unserer Gäste haben für uns oberste Priorität. Wir handeln stets verantwortungsvoll und bedanken uns sehr für das entgegengebrachte Vertrauen.

Wie schätzen Sie die Entwicklung ein, werden es Geimpfte und Genesene beim Reisen einfacher haben als Ungeimpfte?

Andreas Hirsch: Definitiv! Schon aus rechtlicher Sicht kann unser Staat Menschen, von denen kein erhebliches Infektionsrisiko ausgeht, nicht länger ihres Grundrechts auf Freizügigkeit berauben. Unsere Gesellschaft hat in der Pandemie sehr großen Zusammenhalt und Solidarität bewiesen. Die übergroße Mehrheit verhält sich verantwortungsvoll und nimmt Rücksicht. Zusammen mit den wissenschaftlichen Erfolgen der schnellen und sicheren Impfstoffentwicklung und Produktion eine echte Erfolgsgeschichte. Klar gab es am Anfang Mangelwirtschaft und Reibungsverluste, aber das Versprechen, jedem ein Impfangebot unterbreiten zu können, wurde weitgehend eingehalten. Jetzt kommt es darauf an, den wertvollen Impfstoff, um den man sich noch im Frühjahr so sehr bemühen musste, nicht nutzlos verfallen zu lassen!

So wie ich die Entwicklung einschätze, wird es schon bald in der EU für Ungeimpfte schwerer werden, Innenräume genauso einfach aufzusuchen wie für geimpfte und genesene Personen.

Was heißt das für Sie als Reiseveranstalter?

Andreas Hirsch: Wir müssen den behördlichen Anordnungen Folge leisten und können keine Ausnahmen machen. D.h. lassen Sie sich jetzt impfen, wenn Sie später verreisen wollen und ohne Quarantäne wieder nach Deutschland zurückkehren möchten!

Und nun noch ein Blick in die Zukunft. Wie schätzen Sie die Situation für die nächsten Monate ein?

Andreas Hirsch: Wir werden auch dieses Jahr wieder einen Anstieg der Fallzahlen sehen. Ich bin davon überzeugt, dass wir dieses Jahr aber ganz anders damit umgehen werden. Restriktionen wie im letzten Jahr wird es in dieser Form nicht mehr geben. Wir blicken also mit Zuversicht auf Herbst und Winter und freuen uns auf viele schöne Reisen mit unseren Gästen.

Vielen Dank für diesen Einblick!

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