Veröffentlicht am Autor , Stefan Simonis

Ostanatolien

2010 führte meine jährliche „Winterreise“ in die Türkei. Kein allzu unbekanntes Terrain. Türkische Mitbürger, türkische Supermärkte, Döner und Lahmacun – alles bekannt aus Karlsruhe. Dazu das Land auf dem Weg in die EU – so fremd kann es gar nicht sein. Dachte ich. Also ließ ich mich von Turkish Airlines nach Ostanatolien bringen, etwa 4.000 km Landweg nach Istanbul vor mir.

Die Reise beginnt in Van. Offensichtlich wird es in Ostanatolien um 16 Uhr dunkel. Also eilig vom Flieger auf den Burgberg, um sich einen Überblick über die Hauptstadt des einstigen Königreichs Urartu zu verschaffen. Begleitet werde ich von Özgür, einem Deutschlehrer und nebenberuflichen Reiseleiter. Die Sonne geht unter, als wir über das Ruinenfeld auf den Van-See und die umliegende Bergwelt blicken. Bis zum Ararat reicht der Blick nicht, dafür sieht man das moderne Van. Aus zahlreichen Kohleöfen steigt schmutziger Rauch und verbindet sich mit dem Smog. Özgür zückt seine Digitalkamera und beginnt das, was nach einer gemeinsamen Woche geschätzte 10.000 Bilder werden. Die Anlage bietet Archäologen noch Stoff für jahrzehntelange Arbeit. Als wir zum Museum in die Stadt kommen ist es schon dunkel, auch drinnen. Die Lichter in den einzelnen Räumen darf man selbst einschalten, wenn man den Schalter findet, und was in den staubigen Vitrinen präsentiert wird ist sehenswert – urartäischer Goldschmuck, Statuen, Gebrauchsgegenstände. Anschließend der Versuch auf der Hauptstraße eine türkische Handykarte zu erstehen. Lebensnotwendig hierzulande, wie man mir versichert. Turkcell macht es möglich. Ich wundere mich kurz über Özgürs Umgang mit zwei zufällig vorbei kommenden Schülerinnen – Begrüßung per Wangenkuss? Hatte ich so in Kurdistan nicht erwartet. Vielleicht nur für die Hübschen. Der Straßenverkehr ist unter Einfluss von Dunkelheit, Schlaglöchern, Rush Hour und türkischem Fahrverhalten chaotisch.

Van

Am nächsten Morgen endlich der Van-See bei Helligkeit. Die Temperaturen sind angenehm, um die 15 Grad. Özgür hat heute keine Zeit, er schickt seinen Vater und eine Freundin mit Englischkenntnissen. Auf einer Insel wartet die restaurierte armenische Akdamar-Kirche aus dem 10. Jh. mit schönen Reliefs an der Außenwand. Nebenbei ist die Insel auch ein herrlicher Picknickplatz – zumindest im Sommer. Özgürs Vater ist inspiriert und kauft direkt bei Landung auf dem Festland einen Plastikeimer frische Fische. Ein Grill steht einige Hundert Meter weiter am Straßenrand, nebst seinem Besitzer. Der bekommt die Aufgabe der Fischzubereitung, während wir noch schnell Beilagen – Gurke, Tomate, Zitrone, so eine Art Rote Beete, Dill und Petersilie – holen. Es schmeckt gut, auch wenn ich schon idyllischer gegessen habe als auf diesem Grünstreifen neben der Hauptstraße. Aber egal, der Türke liebt Picknick und genießt es.

Van-See

Im Hotel treffe ich Özgür wieder, um 15 Uhr fährt der Bus. Wird er uns am Straßenrand auflesen? Er tut es, und die Fahrt führt durch die rasch hereinbrechende Nacht über Tatvan, Bitlis und Batman (!) in die Kurdenmetropole Diyarbakir. Die Fahrt ist komfortabel, der Bus neu, und es wird Tee serviert. Leider gibt es keine Toilette an Bord, aber immerhin wird während der 7 ½ stündigen Fahrt eine Pause gemacht. Unterbrechungen gibt es außerdem durch 3 Militärkontrollen, die Bus und Fahrgäste nach Drogen durchsuchen. Die Fahrtstrecke scheint mindestens zur Hälfte aus Baustellen zu bestehen. In Diyarbakir angekommen verlassen wir den Bus auf Anweisung des Fahrers irgendwo, schnappen unser Gepäck und springen in das nächste Dolmus. Der Fahrer fährt wie der Henker, drängt andere Fahrer ab, raucht, hupt, lässt Gäste aussteigen und einsteigen und kassiert – alles gleichzeitig. Rasend schnell sind wir im Zentrum, soweit das bei der Dunkelheit zu erkennen ist. Innerhalb der Stadtmauer ist um diese Uhrzeit nur wenig los. Die letzten paar hundert Meter legen wir zu Fuß zurück.

Nach 6 Stunden Schlaf ist der Entdeckergeist wieder wach. Was das Frühstück betrifft habe ich mittlerweile verstanden, warum aus den großen Samowars immer 2 Hähne rauskommen – einer für konzentrierten Tee, der andere für heißes Wasser zum Mixen. Am ersten Tag hatte ich direkt den Tee erwischt und so getrunken. Stark. Diyarbakir ist durch und durch orientalisch. Die große Seldschuken-Moschee ist leider wegen Renovierung eingerüstet, aber in den Innenhof komme ich rein. Ansonsten gibt es einen Basar, weitere Moscheen und Minarette (eines davon auf vier Füßen), enge Gassen, armenische Kirchen (allesamt Baustellen) und ehemalige Karawansereien mit netten Teegärten. Und nicht zuletzt die 6 Kilometer lange Stadtmauer aus Basalt, von deren Toren man beeindruckende Blicke auf die Stadt und den Tigris hat.

Nachdem Özgür ein Auto von Bekannten erdiskutiert hat, geht es komfortabel weiter, ins 90 Kilometer entfernte Mardin. Die Neustadt ist hässlich, Betonklötze in der Ödnis, aber das alte Mardin, das an einem Berg mit Zitadelle klebt, sehr malerisch. Auf dem steilen Weg nach oben liegt die Ksimiye-Medrese mit schönem Blick und noch schönerem Innenhof mit einer Art Lebensbrunnen. Der Nachmittag ist dem örtlichen Museum und den alten Gassen und Häusern der Stadt gewidmet. Die Blicke auf Mesopotamien sind grandios – auch von dem schönen Teegarten aus, in dem wir etwas ausruhen. Es wird schnell wieder dunkel und kalt. In meinem Zimmer experimentiere  ich eine Weile mit der Heizung, die nur entweder ganz kalt oder ganz heiß kann.

Mardin

Am nächsten Tag nutzen wir den Luxus des eigenen Gefährts voll aus. Auf dem Programm steht zunächst das Kloster Deir az-Zafaran, unweit der Stadt, um 500 entstanden und früher Sitz des syrisch-orthodoxen Patriarchats.  Das Originalheiligtum ist eine unterirdische Kammer mit einer Decke aus riesigen Steinen. Hier war wohl das Sonnenheiligtum, das dem Kloster voraus ging. Beim Schlendern durch Kirche und Kloster treffe ich einen Schweizer und einen Holländer. Letzterer ist schon 6 Monate unterwegs und will noch bis nach Indien. Und da sage noch jemand meine 4-wöchigen Reisen wären lang. Wir nehmen die beiden mit bis nach Midyat, der nächsten Stadt. Dort trennen sich unsere Wege, denn wir wollen weiter zum nächsten Kloster – Mar Gabriel. Die Anlage ist schön restauriert  und nochmal 100 Jahre älter als Deir az-Zafaran. Die Toiletten würden einem 5-Sterne-Hotel zur Ehre gereichen. Wir sind noch nicht kirchensatt und suchen die Meryem Ana Kilisesi. Die Straße ist eine einzige Baustelle, und wir irren eine Stunde durch die Landschaft. Die Kirche ist aber tatsächlich sehr schön, am Rande eines Dorfes, direkt neben dem örtlichen Fußballplatz. Eigentlich sind wir hier, weil Özgür noch nie hier war – sein Foto klickt im Zehntelsekundentakt. Zurück in der Stadt schlendern wir durch die etwas heruntergekommene Altstadt von Midyat. Es gibt noch 9 syrisch-orthodoxe Kirchen, sonderlich aktiv sehen die meisten nicht aus.

Midyat

Morgens geht es parallel zur syrischen Grenze Richtung Urfa. Bzw. Sanliurfa („berühmtes Urfa“), wie es sich seit den 80er Jahren nennt. Die Hethiter waren schon hier, Assyrer, Alexander, Römer, Araber, Armenier – und jetzt ich. Zunächst biegen wir ab und fahren, vorbei an der Grotte des Hiob, nach Harran, schon im ersten Buch Mose erwähnt (viel Bibel hier). Abraham soll vor knapp 3000 Jahren auch mal hier gewohnt haben. Es gibt ein paar Trulli-Häuser, recht originelle bienenkorbartige Behausungen, und eben die Ruinen. Eigentlich sind sie mit einem Zaun abgesperrt, aber der Sohnemann vom Teehaus nebenan winkt uns durch ein Loch hindurch. Richtig spektakulär ist es eigentlich nicht, wenn man sich nicht ständig das enorme Alter vor Augen hält.

Harran

In Urfa gilt es zunächst das Hotel zu finden, einen 70er-Jahre-Bau mit verrauchten Zimmern und großem Bankettsaal. Wir treffen uns mit einem Freund von Özgür, einem Studenten ohne jegliche Fremdsprachenkenntnisse, und schlendern Richtung Stadtmitte. Es hat viel Überredungskunst gekostet, die beiden zu einem Fußmarsch zu bewegen, denn alles was über 50 m entfernt ist legt der Türke gerne motorisiert zurück. Das malerische Zentrum unterhalb der Zitadelle mit Grünanlagen, Wasserbassins, Teehäusern und Moscheen ist voller Pilger – vor lauter gucken gerate ich mitten in eine tschetschenische Gruppe. Sie streben zur Grotte, in der der Prophet Abraham zur Welt gekommen sein soll, und ich strebe mit ihnen. Es gibt getrennte Eingänge für Männlein und Weiblein und stinkt nach Schweißfüßen. Nach einem späten Mittagessen am Rande eines karpfengefüllten Wasserbassins (heilige Fische, deshalb unantastbar und fett) erklimmen wir den Hügel mit der Zitadelle. Oben stehen zwei Säulen, der „Thron des Nimrod“. Von hier wurde Abraham in die Luft geschleudert, nachdem er Götzenbilder zerstört hatte, und segelte daraufhin sanft in ein Rosenbeet. Die Aussicht auf die Stadt ist grandios. Wieder unten sucht Özgür im Basar einen bestimmten Teppichhändler, dem ihm ein deutscher Freund empfohlen hat – er ruft extra in Deutschland an, um zu erfragen welcher es wohl ist, und kauft einen kleinen Teppich, bevor wir eine Teepause in einem malerischen Innenhof voll schnurrbärtiger dominospielender Männer machen.

Abends findet im Hotel eine Hochzeitsfeier statt. Die Musik ist ohrenbetäubend, und Derwische drehen sich ohne Unterlass. Ich mache Bekanntschaft mit einer trinkfreudigen Männergesellschaft, Mitglieder irgendeiner Wirtschaftskammer, versuche mich am Nationalschnaps Raki und lerne einen ehemaligen Bürgermeister von Urfa kennen, der mir am folgenden Morgen ein „richtiges“ Frühstück zeigen will. Er taucht morgens um 8 Uhr prompt mit seinem kleinen Sohn auf, und wir fahren in ein verstecktes Hinterhof-Frühstückslokal, stilvoll eingerichtet mit Holztäfelung à la Schwarzwald, grüner Beleuchtung und einem (ausgeschalteten) Wasserfall. Es sind nur Männer anwesend, sehr friedlich und ruhig. Bestellen muss man nicht, denn es gibt eh keine Wahlmöglichkeit. Das typische Urfa-Frühstück ist gegrillte Leber im Fladenbrot, dazu Zwiebeln und allerhand Gewürz, und Joghurt. Dazu Wasser, und anschließend einen Tee. Schmeckt lecker, aber jeden Tag?

Gesättigt begleiten uns unsere beiden Gastgeber nach Göbekli Tepe, uralte Tempelanlage in den Bergen und für mich wesentlich eindrucksvoller als z.B. Harran – auch wenn letzteres überall angepriesen und auf allen Postkarten abgebildet wird. Unvorstellbar, was man hier sieht, selbst nach der „Vorwarnung“  durch die Ausstellung im Badischen Landesmuseum 2007. Die Ausgrabungen sind noch im vollen Gange, ein Wächter hält Bücher von Klaus Schmidt parat, dem deutschen „Entdecker“. Großartig.

Zurück in Urfa gehen wir, zusammen mit etlichen Schulklassen, ins Archäologische Museum. Auch sehr sehenswert. Danach bummeln wir nochmals durch die Gassen der Altstadt zum Zentrum und zurück durch den Basar. Man fühlt sich tatsächlich eher im Nahen Osten als in der Türkei. Am Abend spielt Besiktas gegen Galatasaray. Da es nur im Bezahlfernsehen übertragen wird besuchen wir ein modernes Einkaufszentrum. Im obersten Stock, neben amerikanischen Bowlingbahnen, ist eine Art Café mit großen Bildschirmen. Faszinierend, mit wie viel Anteilnahme und Emotion selbst hier in Ostanatolien ein Istanbuler Stadtduell verfolgt wird.

Nach einer ruhigeren Nacht – keine Hochzeit heute – fahren wir Richtung Norden, vorbei am Atatürk-Staudamm, nach Kahta. Das Städtchen ist Basis für den Ausflug zum berühmten Nemrut Berg. Die Hauptstraße ist Baustelle, was den Hotelbezug etwas erschwert. Wir sind die einzigen Gäste und können uns die Zimmer aussuchen. Zeit zum Ausruhen bleibt aber nicht, es geht gleich Richtung Berg. Vorbei am „Karakus Tümülüs“, einem Grabhügel mit ein paar Säulen, und der römischen Cendere Brücke fahren wir hinauf nach Arsameia. Ein Pfad führt zu einigen Stelen, es gibt eine Höhle und weiter oben noch ein Relief und noch eine Höhle mit langer griechischer Inschrift. Arsameia war einst (80 v. Chr.) die Hauptstadt von Mithradates I. Kallinikos und seinem Sohn Antiochos I., sagt mein Reiseführer. Die Aussicht ist spektakulär.

Der Weg zum Gipfel ist steil, und wir müssen eine Pause einlegen, weil die Motorhaube dampft – immerhin geht es auf über 2000 m Höhe. Wir schaffen es aber und trinken in der „Basisstation“ noch einen kleinen Tee, bevor der Rest zu Fuß bewältigt werden muss. Özgür kämpft schwer, aber mich treibt die Ungeduld voran. Und es ist die Anstrengung wert. Ein leicht größenwahnsinniger König ließ im 1. Jh. v. Chr. eine 50 m hohe künstliche Spitze aufschütten, 3 Terrassen anlegen und gewaltige Statuen errichten. Die Ostterrasse liegt schon im Schatten, deshalb inspizieren wir dort nur kurz die Statuen bzw. deren heruntergefallene Köpfe, und gehen dann um die Spitze zur Westseite. Dort liegen bzw. stehen in der Sonne die über 2 m hohen Köpfe – toll. Die nächsten zwei Stunden sitzen wir dort und beobachten die wechselnden Farben. Zunächst sind wir tatsächlich ganz alleine, dann kommen noch ein paar türkische Jungs und ein türkisches Pärchen – und 2 hübsche Italienerinnen. Özgür träumt sofort von einer romantischen Nacht und gibt alles, aber die Mädels wollen noch mit dem Abendbus weiterfahren und lassen sich nicht zum Übernachten in Kahta überreden. Im Nachhinein gibt er mehr oder weniger mir die Schuld dafür, weil ich nicht daran gedacht habe meinen Ehering zu verstecken.

Nemrut

Am nächsten Morgen bringt mich Özgür früh nach Adiyaman, dem nächstgelegenen Ort mit dem nächstgelegenen Busbahnhof. Er muss wieder zurück an die Schule. Wir verabschieden uns, und pünktlich um sieben sitze ich im Bus ans Mittelmeer … Fortsetzung folgt.