Veröffentlicht am Autor , Stefan Simonis

Nizza und die Côte d´Azur

Blumencorso und Zitronenfest

Mitten im Winter bei milden Temperaturen auf der „Promenade des Anglais“ flanieren, Museen von Weltrang besuchen, „blumige“ Karnevalsumzüge ohne Helau und Alkoholleichen genießen oder sich einfach nur an blauem Himmel und leuchtenden Farben sattsehen – es gibt deutlich schlechteres, was man im Februar machen kann, als eine kurze Reise nach Nizza zu unternehmen.

 

Prom

Wie gewohnt ging es in aller Herrgottsfrühe am Ludwigsplatz los, zunächst chauffiert von Herrn Hörhammer, ab Basel dann von Herrn Boritz. Auch Reiseleiterin Frau Dr. Droste war schon an Bord, sie war am Vortag aus Köln angereist. Vorbei am Genfer See und durch Savoyen bis ans Ende der Autobahn, anschließend auf landschaftlich eindrucksvoller und kurviger Strecke, vorbei an Sisteron, auf der „Route Napoleon“ in die Seealpen, historisch begleitet von Frau Droste. Rechtzeitig zum Einbruch der Dunkelheit kamen die Berge und damit Schwerstarbeit für Herrn Boritz. Wobei er souveräner und weniger angespannt war als so mancher Reisegast, der angesichts enger Gebirgsstraßen, niedriger Tunnel, steigender Schneeberge und zu erahnender Schluchten innerlich mitlenkte und –bremste. Erleichtert waren letztlich alle gemeinsam, als man Grasse erreichte, die Berge überwunden waren und man das Mittelmeer zumindest erahnen konnte. Im sehnlichst erwarteten Hotel in Nizza waren wir kurz nach 21 Uhr, nicht zu spät für ein schnelles Abendessen.

Der nächste Tag erwartete uns mit blauem Himmel und strahlendem Sonnenschein – genau so hatte ich mir das vorgestellt. Gleich nach dem für französische Verhältnisse äußerst umfangreichen Frühstücksbuffet stiegen wir vorfreudig in den Bus und fuhren los, leider nicht allzu weit. Die engen Straßen von Nizza, in unseliger Verbindung mit dem Parkverhalten der Einheimischen (vorzugsweise auf den Ecken), origineller Verkehrsführung und flüchtenden Polizisten, brachten unseren Bus in beinahe ausweglose Lage. Nach viel Diskutieren, Rangieren, spontanen Verkehrsumleitungen und Mopedverschiebungen schaffte es Herr Boritz tatsächlich unter dem Applaus der Reisenden zurück auf einen breiteren Boulevard.

Der Anblick des azurblauen Mittelmeers und die Palmen der „Prom“ entschädigten sofort für die Mühen – Urlaub! Entlang der Bucht erreichten wir Antibes mit seinem Grimaldischloss und dem bemerkenswerten Picassomuseum. Wobei nicht nur die Kunst, sondern auch die Räume und Blicke auf Himmel, Meer und Kap starken Eindruck hinterließen. Hier muss man wohl zum Künstler werden. Die anschließende Freizeit nutzen wir zum Bummel durch die hübsche Altstadt, inklusive Marktbesuch, Straßencafé und Sonnenbad am Stadtstrand unterhalb der alten Hafenmauer.

Antibes
Yachthafen von Antibes

 

Picasso im Grimaldi-Schloss
Picasso im Grimaldi-Schloss

Zurück in Nizza im Hotel widerstanden wir dem starken Drang nach einem späten Mittagsschlaf und machten uns sofort auf, die Stadt auf eigene Faust zu erkunden. Den besten Überblick versprach das Erklimmen des Altstadthügels, der allerdings immer größer wurde, je näher wir kamen. Die Mühe lohnte, denn kurze Zeit später lag uns die von der untergehenden Sonne beleuchtete Stadt zu Füßen. Dass wir dann fast zu spät zum abendlichen  Begrüßungscocktail im Hotel kamen war aber nicht nur in der schönen Aussicht begründet, sondern zum großen Teil in der entspannten Arbeitseinstellung der einheimischen Supermarktkassiererinnen, die in Deutschland vermutlich einen Kundenaufstand zur Folge hätte, hier aber wohl ortsüblich war.

Am Samstag wiederholten wir nochmals teilweise unser Nachmittagsprogramm – diesmal jedoch unter Leitung von Frau Droste. Zu Fuß spazierte die Gruppe über die Place Masséna in die Altstadt und auf den Blumenmarkt. Nicht billig, aber üppig und bunt. Insbesondere Mimosen blühten gelb an jedem Stand. Der sich anschließende „normale“ Markt ließ einem das Wasser im Mund zusammen laufen, und viele Mitreisende (wir eingeschlossen) kamen nicht umhin das eine oder andere einzukaufen bzw. gleich an Ort und Stelle zu genießen.

Am späten Vormittag fuhr Herr Boritz uns zum Chagall-Museum. Was von außen zunächst wie ein Betonklotz wirkte, entpuppte sich von innen als lichter Raum, in dem der ergreifende großformatiger Bilderzyklus zur Biblischen Botschaft ausgestellt war und einen tiefen Eindruck hinterließ.

Chagall
Die Bibel nach Chagall

 

Nachmittags startete auf der Promenade der Blumencorso, ein Umzug von bunt geschmückten Blumenwägen, Tänzern, Musikgruppen, Fantasiefiguren und Konfettikanonen. Es war ein fröhliches Spektakel vor traumhafter Kulisse, und so manche Frau ging mit Sträußen voll blühender Mimosen, die von den Wägen flogen, nach Hause.

Blumencorso
Blumencorso auf der Promenade

 

Sonntag das nächste Fest – Zitronenfest in Menton. Doch der Himmel meinte es nicht gut mit uns, schon auf der Fahrt in das nahegelegene Städtchen kam der erste Schauer. Dem Verlangen einiger Mitreisenden nach konkreter Wettervorhersage für den Nachmittag konnte leider auch unsere Reiseleiterin nicht entsprechen. Die Hoffnung blieb, und es ließ sich zunächst gut an – die Altstadt und das kleine Cocteau-Museum erlebten wir noch trocken. Doch je mehr sich die Stadt mit Besuchern füllte, desto feuchter wurde es, und ab mittags war Dauerregen angesagt. Gut für die Bar- und Restaurantbesitzer, schlecht für den Umzug. Voll guten Willens besichtigten wir die aus Orangen und Zitronen fabrizierten Kunstwerke in den Bovies-Gärten, doch dann suchten auch wir Schutz in einer Bar. Regenschutz und warme Kleidung hatten wir zwar, als mitdenkende Reisende, eingepackt, nach den letzten zwei strahlenden Tagen aber optimistisch im Hotel gelassen. Schön blöd.

 

Altstadt von Menton mit bedecktem Himmel
Altstadt von Menton mit bedecktem Himmel

Aber bezahlt ist bezahlt, und so bezogen wir pünktlich zu Beginn der Parade unsere Tribünenplätze (unüberdacht). Nicht wirklich gemütlich, aber immerhin mussten wir nicht halbnackt oder barfuß wie einige der Gruppen über die Promenade marschieren. Es war wieder ein schönes Erlebnis, aber durchgefroren und nass war doch jeder froh, als der Zug sich wiederholte, man also alles gesehen hatte und zurück zum Bus konnte. Schon deutlich vor der verabredeten Zeit trafen dort die meisten Mitreisenden ein, froh über den warmen, trockenen Bus und geistige Getränke zur Stärkung. Die Abfahrt verzögerte sich aber leider, denn nicht alle hatten es pünktlich zum vereinbarten Treffpunkt geschafft. Trotz beinahe einstündigem Warten und Suche tauchten die Vermissten nicht auf und meldeten sich auch nicht auf der vorher von Frau Droste bekannt gegebenen Handynummer. Wohl oder übel mussten wir ohne sie nach Hause fahren. Groß die Erleichterung, als die beiden Damen letztendlich selbständig mit dem Zug in Nizza eintrafen.

Zitronenfest
Geschichte in Zitrusfrüchten

 

Zu Wochenbeginn begrüßte uns glücklicherweise wieder die Sonne – der Tag war wieder der Kunst gewidmet. Den Anfang machte Renoirs Wohnsitz im benachbarten Cagnes, ein herrliches Anwesen mit Park voll Oliven- und Orangenbäumen, Palmen und Plastiken, mit Blick auf die Altstadt und die Bucht. Das Haus war neben seiner Kunst auch seinem Alltag gewidmet, mit original Mobiliar und Einrichtung, und gab einen spannenden Einblick in seine letzten Schaffensjahre. Allerdings schweiften auch hier die Blicke immer wieder durch die hohen Fenster auf die überwältigende Aussicht, und nach kurzer Zeit fanden sich die allermeisten Mitreisenden sonnend im Garten wieder.

Renoir
Blick aus Renoirs Garten auf die Altstadt von Cagnes

 

In der Kathedrale von Vence wartete anschließend das Moses-Mosaik von Chagall. Die engen und leeren (Mittagspause!) Gassen der Altstadt waren zwar sehr malerisch, aber schattig, so dass es uns zum Essen schnell an ein sonniges Plätzchen zog. Pasta, ein Gläschen Rosé – an die französische Vorstellung von Mittagspause könnte man sich gewöhnen. Allerdings nur wenn man hinterher nicht mehr arbeiten muss. Das musste aber nur Frau Droste, die uns nach dem Essen zur Chapelle du Rosaire führte. Die Kapelle, von Matisse aus Dankbarkeit gestaltet, empfing uns freundlich, schlicht, hell und lichtdurchflutet. Ein heiterer Ort der Besinnung. Zieht diese Gegend Künstler an, oder wird man hier zwangsläufig zum Künstler?

Abschluss des Tages (und leider der Reise) war die Fondation Maeght in St. Paul de Vence, ein El Dorado moderner Kunst. Giacometti, Braque, Miro und viele mehr, dargeboten in einem außergewöhnlichen Rahmen. Stunden hätte man hier zubringen können. Und darüber immer wieder dieser Himmel. Wirklich faszinierend.

Giacometti
Der Autor in dürrer Giacometti-Reihe

Den Abend nutzten wir für einen letzten Bummel an der Promenade – noch einmal die frische Meeresbrise tanken, vor der Rückkehr ins Büro. Vieles ist noch offen geblieben, etliche Museen und Kunstwerke, Cannes, Monte Carlo, das Hinterland, oder Menton bei schönem Wetter – deutlich mehr Pläne als Urlaubstage. Aber für ein erstes Kennenlernen war diese Reise sehr gut geeignet, und ich hoffe wir kommen wieder.

Früh um halb sieben startete unser Bus zur Rückfahrt, diesmal entlang der Küste durch Italien, vorbei an Genua und Mailand, Luganer See, Lago Maggiore, Vierwaldstätter See und Basel nach Karlsruhe. Der Alltag hat uns wieder.

Ein Gedanke zu „Nizza und die Côte d´Azur“

  1. Lieber Herr Simonis,
    vielen Dank für Ihren – wie immer – launigen und wunderbar bebilderten Bloggbeitrag über eine Hirsch-Reise an die Cote d´Azur. Obwohl dieses herrliche Fleckchen Erde so dicht besiedelt und auf eine bestimmte Weise vom Menschen sehr „strapaziert“ ist, zieht es auch meinen Mann und mich immer wieder dort hin.
    Beste Grüße
    Martina Baumung-Hirsch

Kommentare sind geschlossen.