Veröffentlicht am Autor , Stefan Simonis

Multikulti in Washington D.C.

Zwar keine Hirsch-Reise, aber die Stadt selbst findet sich ja auch 2011 wieder im Hirsch-Programm, in Kombination mit New York (https://www.hirschreisen.de/reise-buchen/reise/new-york—washington—philadelphia–2011-3071.html). Anlass der Reise war allerdings ein privater – die Hochzeit einer Freundin meiner Frau – und die kurze Reisedauer Freitag bis Montag u.a. der Fertigstellung des Jahreskatalogs geschuldet. Alles aber kein Grund, sich nicht mal das dortige Hirsch-Hotel anzuschauen.

Die notwendigen USA-Formalitäten (ESTA-Antrag, Zahlung der Touristensteuer, Angabe von vollständigem Namen und Geburtsdatum, Adresse vor Ort) hatten wir rechtzeitig erledigt, der automatische Check-In am Automaten (am Schalter geht das heutzutage nicht mehr) klappte problemlos, die Abgabe des Gepäcks nach kurzem Schlange stehen, ebenso wie die Sicherheitskontrollen. Im Flieger selbst wurden wir über die aktuelle Schikane der amerikanischen Behörden informiert, dass es nämlich mittlerweile auch streng verboten sei sich während des Flugs im Gang aufzuhalten, womöglich noch mit mehreren Personen (auch nicht vor der Toilette). In Washington angekommen durften wir 2 Stunden an der „Immigration“ Schlange stehen, da für ca. 800 wartende Flugreisende nur drei Schalter geöffnet wurden. Kann ja nicht alles so einfach und komfortabel wie eine Busreise sein –  Einsteigen, losfahren, und direkt am Hotel abgeliefert werden. Die Fahrt mit dem Sammeltaxi brachte uns dann endlich nach Downtown D.C.

Samstag war große Veranstaltung auf der „Mall“ – die „Rally to Restore Sanity and/or Fear“, eine Art – ja, was eigentlich? Comedy, Konzert, politische Demonstration? Jedenfalls tummelten sich geschätzte 150.000 Menschen zwischen Capitol und Washington Monument, unterhalten von etlichen Showgrößen und ausgestattet mit vielerlei Schildern und Plakaten, ihren Selbstdarstellungstrieb voll auslebend, manchmal witzig, manchmal politisch, manchmal nur Nonsens. Trotz traumhaftem Wetter und beeindruckender Kulisse zogen wir uns nach einer Weile ins Hotel zurück (nicht ohne am Weißen Haus vorbei zu schlendern) und verfolgten das Spektakel im Fernsehen, um neben der Stimmung auch etwas vom Bühnenprogramm mitzubekommen.

"Rally" auf der Mall
"Rally" auf der Mall

Am Abend waren wir ins Hilton Crystal City zur Hochzeitsfeier geladen, scheinbar schon in Virginia gelegen, aber noch mit der Metro von D.C. aus erreichbar. Also warfen wir uns in Schale und machten uns auf den Weg. Es war der Vorabend von Halloween, und außer uns waren etliche skurril verkleidete Gestalten unterwegs. Am Veranstaltungsort mit deutscher Pünktlichkeit angekommen waren wir unter den ersten Gästen. Das Brautpaar und die 350 Gäste (außer uns) stammen aus Eritrea und Äthiopien und nehmen es naturgemäß mit der Uhrzeit nicht so genau. Der Ballsaal war schon auf amerikanische 17 Grad herunter gekühlt, und es standen Getränke bereit. Eiswasser im Glas und Softgetränke in der Dose mit Pappbecher – nicht gerade was man als Europäer von einer schicken Feier in einem 4*-Hotel erwartet. Bis halb neun hatte sich der Saal gefüllt, die Damen vorwiegend in eritreischer Kleidung, die Herren im Anzug, es gab eine kleine muslimische Zeremonie, anschließend Buffet, Musik und Tanz  – man kann auch ohne Alkohol fröhlich feiern –, und wir verbrachten einen faszinierenden afrikanischen Abend. Die späte Rückfahrt erfolgte mit dem Taxi, wobei wir den Fahrer trotz Navi zum Hotel leiten mussten.

Hochzeitsgäste
Hochzeitsgäste

Sonntags stand Sightseeing auf dem Programm, mit Fahrrad. Eigentlich ideal für Washington, nur scheinbar nicht üblich unter Eingeborenen. Es waren allerdings außergewöhnlich viele zu Fuß unterwegs, denn gleichzeitig fand Marathon statt. Bei strahlendem Sonnenschein hakten wir die verschiedenen „Memorials“ ab – Weltkrieg, Lincoln, Korea, Roosevelt, Jefferson – und fuhren anschließend gemütlich entlang des Potomac River nach Georgetown. Von dort ging es durch Washingtons Straßen (die, wie man aus dem Hirsch-Katalog lernen kann, nach dem Vorbild Karlsruhes angelegt sind), wo die Autofahrer etwas unsicher, aber keineswegs unfreundlich den ungewohnten Radlern begegneten, zum „Hirsch-Hotel“ in der E-Street, in Fußentfernung des Weißen Haus gelegen (www.stateplaza.com). Es ist doch immer etwas anderes, ein Hotel (und seine Umgebung) mit eigenen Augen zu sehen. Von hier aus sollten die Hirsch-Kunden jedenfalls keine Probleme haben, den freien Nachmittag nach Belieben zu gestalten.

IMG_0960
Mr. Obamas Haus

Zurück im Hotel hatten wir immer noch keine Ahnung, was die Abendgestaltung betraf. Es sollte ein Essen im Familienkreise des Brautpaars geben, aber noch gestern Abend konnte niemand Aussagen über Uhrzeit oder Veranstaltungsort treffen – nicht einmal die Braut selbst. Gegen 17 Uhr erreichte uns eine SMS, dass wir uns um 18 Uhr in einem Ort namens Springfield, Virginia, einfinden sollten, mit Straße und Hausnummer, und dass es in Taxientfernung sei. Also machten wir uns auf den Weg. Der erste Taxifahrer kannte den Ort nicht, fuhr uns aber zu einem Kollegen, der über ein Navigationsgerät verfügte. Dieser, ein alter Chinese, fand die Adresse (16 Meilen entfernt). Nach einem Anruf unserer Freunde konnten wir in Erfahrung bringen, dass es sich um ein afghanisches Restaurant handele. Unserem Fahrer war dies nun  etwas suspekt (zwei planlose Europäer auf dem Weg zu einer afrikanischen Hochzeitsveranstaltung in einem afghanischen Restaurant, und das alles in unmittelbarer Nähe des Pentagon), aber umkehren wollte er dann doch nicht. „Wenn es Amerikaner sind werde es wohl keine Terroristen sein“. Am Ziel bemerkten wir wieder den deutschen Pünktlichkeitsfehler, denn obwohl wir extra eine halbe Stunde zu spät gekommen waren, war außer der Band, einem Bruder der Braut und 2 müden Afghanen noch niemand da. Bis 21 Uhr trudelte der Rest der Familie langsam ein, schon wieder fast 100 Leute. Das Brautpaar war in traditionelle Gewänder gehüllt, die Braut sah aus wie eine Königin, die Band legte los (der eritreische Durchschnittssong dauert etwa 20 Minuten, also nicht radiotauglich), und es folgte der erste Tanz. Dann aber endlich Essen, eine Mischung aus afghanisch und afrikanisch, sehr lecker, und alkoholfrei. So viel Cola habe ich seit meiner Jugend noch nie getrunken. Dann wieder Tanz und Musik – sehr schön, farbenfroh und ausgelassen, auch wenn dem Brautpaar langsam aber sicher eine große (Feier)-Müdigkeit anzumerken war.

IMG_1137
Tanzende Braut

Für unsere Heimfahrt nach Mitternacht wurde ein Chauffeur gesucht, ein Brautcousin erbarmte sich. Sehr vorteilhaft, diese alkoholfreien Feiern, man findet immer einen Fahrer. Er hatte ein flottes Tempo drauf, hantierte zusätzlich mit seinem Navi am Steuer (nicht dass wir Washington nicht auch so gefunden hätten) und nutzte alle Fahrbahnen. Die Stimme des Geräts dirigierte ihn vom Highway, eine digitale Geschwindigkeitsanzeige leuchtete uns 57 mph bei erlaubten 25, und hinter uns tauchte das Blaulicht auf. In grelles Scheinwerferlicht getaucht  blieben wir stehen und harrten der Dinge. Bloß nicht aussteigen. Ein Polizist kam ans Fenster und machte unseren Fahrer auf die Geschwindigkeitsübertretung aufmerksam. Einen Ausweis konnten wir vorlegen, mehr nicht. Führerschein hatte er nicht dabei, das Auto gehörte seiner Schwester, die hatte wohl die Papiere. Nachdem der Cop mit dem Ausweis wieder zum Polizeiwagen zurückgegangen war (was er machte konnten wir wegen des Polizeischeinwerfers nicht sehen), warteten wir angespannt. Und siehe da, ein Wunder – er kam nach vorne, sagte „Alles in Ordnung, aber das nächste Mal behaltet ihr eure Geschwindigkeit etwas im Auge“. Vollkommen perplex dirigierten wir unseren Fahrer zum Hotel.

Montag machten wir dann nicht mehr viel, die Suche nach einem akzeptablen Frühstück gaben wir schnell auf – nur „Wraps“, „Bagels“, „Donuts“ und allerlei anderer süßer oder fettiger Kram – ein einfaches Joghurt oder ein normales Brot waren nicht zu bekommen. Zu Fuß spazierten wir nochmals quer durch die Stadt am Capitol vorbei zur „L´Enfant Plaza“, wo der Flughafenbus abfuhr. Das Verlassen der USA gestaltete sich erheblich rascher als die Einreise, und schon ging es wieder zurück in die Heimat und zurück ins Büro.