Mittelalter in Mitteldeutschland – Fachwerkstädtchen und Dome im Harz

Eine Zeitreise voll lebendiger Geschichte(n) war diese Adventsreise nach Quedlinburg, Wernigerode, Halberstadt, Goslar und Wolfenbüttel. Von Heinrich I. bis Wilhelm I., von Ottonen und Saliern, von Romanik und Gotik, von Kirchenschätzen und Schatzräubern sahen und hörten wir, froren in Kirchen und wärmten uns an Glühwein. Bericht von einer wunderbaren Reise.

Standort ist das komfortable Hotel Schlossmühle, zu Füßen des Stiftsbergs von Quedlinburg. „Welterbestadt“ nennt sie sich, und verdient sich diesen Namen mit über 1200 Fachwerkhäusern. Ingrid Bathe, einst als Architektin für die Deutsche Stiftung Denkmalschutz in Quedlinburg tätig, führt uns sachkundig und liebenswert durch die Gassen. Wir lernen die verschiedenen Arten von Fachwerk und ihre zeitliche Einordnung, und gleichzeitig, wie nebenbei, die große Geschichte des Städtchens – Königspfalz, Frauenstift (1000 Jahre weibliche Herrschaft!), Mitglied der Hanse, Saatgutproduzent. Mit einbrechender Dunkelheit wird die Altstadt von Quedlinburg zum Märchenstädtchen mit hübschem Weihnachtsmarkt.

Am folgenden Morgen steigen wir zur Stiftskirche („Perle der Hochromanik“). Nach Frau Bathes einführenden Worten nimmt uns Herr Sacher, seines Zeichens Restaurator in der Denkmalpflege, unter seine Fittiche. Wir arbeiten uns durch das Kirchenschiff bis zur Apsis dieses beeindruckenden Denkmals deutscher Geschichte. Welchen Eindruck muss diese riesige Kirche, außen geweißt und innen farbig ausgemalt, auf die Menschen im Mittelalter gemacht haben! Wir sprechen über Könige und mächtige Äbtissinnen, über Politik und Alltagsleben, schmerzhaftes Glockenläuten, Nazis und amerikanische Schatzräuber.

Der frühe Nachmittag ist weiteren Kirchenschätzen gewidmet. Nur eine halbe Stunde entfernt liegt Halberstadt. Der Weihnachtsmarkt hinter dem rekonstruierten Rathaus ist nett, die Bratwurst lecker. Es folgt die tausendjährige Liebfrauenkirche. Diverse Male umgebaut, Gefängnis, Waffenlager und Pferdestall, überrascht sie uns in den Chor-Schranken mit bewegenden Stuckfiguren aus der Spätromanik. Gesichter, Körperhaltung, Gliedmaßen, Faltenwurf – welch ein Genie muss der Künstler gewesen sein.

Über den großen Domplatz geht es hinüber zum gotischen Dom. Uns begrüßt Werbung für den „größten mittelalterlichen Domschatz außerhalb des Vatikans“. Geht doch nichts über Superlative. Unsere örtliche Führerin Frau Paulmann ist als ehemalige Chemikerin deutlich nüchterner. Ihrem liebenswerten Vortrag tut dies keinen Abbruch. Sie nimmt uns mit auf die Reise durch den Dom hinauf zum sensationellen Domschatz mit Kunstwerken, wertvoller Kleidung und uralten Teppichen. Unbezahlbar.

Dritter Tag, drittes Städtchen: Wir fahren nach Wernigerode. Sehr hübsch und gepflegt ist es hier. Frau Bathe erzählt vom Denkmalschutz zu DDR-Zeiten, während wir durch Straßen und Gassen spazieren, und zeigt uns die wichtigsten und schönsten (und schiefsten und kleinsten) Häuser der Fachwerkstadt. Außer uns gibt es viele andere Hirsche (die hier „Hörsche“ heißen): Hotel, Wein, Bier, Apotheke … Unser Fahrer Harald Ludwig holt uns am anderen Ende der Altstadt ab, und weiter geht die Fahrt.

In Goslar parken wir vor der Kaiserpfalz. Es ist Mittag, und der Weihnachtsmarkt lockt. Wir schlendern vorbei an mit Schieferplatten gedeckten Häuschen zum Siemens-Haus, einem Fachwerkgebäude von erstaunlichen Ausmaßen und Stammhaus der Industriellen-Familie. Auf dem weiteren Weg zum Alten Markt reiht sich ein geschichtsträchtiges Haus an das andere. Trotzdem ist die Mittagspause sehr willkommen, denn die duftenden Stände machen ungeheuer Appetit.

Goslars Marktkirche kenne ich von Heines Harzwanderung, und: Sie ist beheizt! Das macht den Aufenthalt sehr angenehm, und wir bestaunen entspannt Taufbecken, Altar, Kanzel und den spätromanischen Fensterzyklus. Anschließend geht es, mit einem kurzen Stopp beim Großen Heiligen Kreuz mit Kunsthandwerksmarkt, zur monumentalen Kaiserpfalz. „Gelebte Geschichte“ ist der Werbeflyer überschrieben, und unsere Führerin Elena Siebert aus Sibirien erfüllt das Versprechen. Sie präsentiert die Geschichte nicht nur lebendig, sondern dank der Historienwandbilder im Kaisersaal auch höchst umfänglich. Unser Rundgang endet in der kalten Ulrichskapelle, und es verfestigt sich der Eindruck: die heutige Zeit ist, aller Krisen zum Trotz, nicht die schlechteste.

Letzter Tag, letzter Höhepunkt: Wolfenbüttel an der Oker. Wer kennt es nicht? Wieder empfängt uns Fachwerk, dazu ein imposantes Schloss, und Gotthold Ephraim Lessing, einst Leiter der hiesigen Bibliothek. Wieder ein überraschend reizvoller Ort. Das Schloss erkunden wir mit Frau Kienitz, die uns unterhaltsam durch die liebevoll gestalteten Räume führt. Wir schauern ob der beschriebenen hygienischen Bedingungen und Moden, bestaunen einen akkurat gedeckten Tisch mit zeitgenössischem Essen und gucken empört wegen der Gemeinderatsentscheidung von 1970, aufgrund derer es männlichen Schülern nicht zuzumuten sei, eine Schule zu besuchen, die nach ihrer weiblichen Gründerin benannt ist. Nach einem letzten Weihnachtsmarktstopp (die Bratwürste schmecken hier wirklich alle hervorragend!) machen wir uns auf die Heimreise.

Stefan Simonis (links, mit Reisebusfahrer Harald Ludwig) war in allen besuchten Orten der Reise das erste Mal – und angemessen beeindruckt. Er findet es schade, dass sein Geschichtsunterricht in der Schule seiner Erinnerung nach nie so anschaulich war wie die Führungen während dieser Reise.