Veröffentlicht am Autor , Stefan Simonis

Leipzig

„Vom Industriezentrum zur schrumpfenden Metropole zur neuesten Stadt der coolen Leute“ schrieb die New York Times, und setzte Leipzig auf die Liste der „52 Places to Go in 2020“. Jetzt muss endlich nicht mehr Goethe zitiert werden, wenn touristisch für Leipzig geworben wird.

Erfolgreiche Messestadt seit 850 Jahren, Stadt der Musik und der Kultur, Auslöser der friedlichen Revolution 1989 – der Leipziger Bürger braucht keine Werbekampagnen. Schon bei Ankunft beeindruckt der Hauptbahnhof durch seine schieren Ausmaße, und wer ihn an seiner östlichen Seite verlässt, steht zu Füßen des 100 m hohen Wintergartenhochhauses mit dem Doppel-M („Muster-Messe“).

Kleine Vorhalle des Leipziger Bahnhofs
Wintergartenhochhaus mit Doppel-M

Vom Messe-Symbol zur Musik – die samstägliche Motette in der Thomaskirche wartet auf uns. Die 1 ½ Stunden Konzert mit Orgel und Chor sind eine angenehme Einstimmung, auch wenn die Thomaner im Faschingsurlaub sind. Unser Sitznachbar genießt auf seine Art und schläft nur Minuten nach Beginn des Konzerts selig ein. Als Pfarrer Hundertmark von der Kanzel eindrücklich wider den Rassismus predigt, wacht er wieder auf.

Thomaskirche, vor der Motette
J.S. Bach vor „seiner“ Kirche

Nach der Motette spazieren wir durch das Zentrum zum Hotel, ziehen uns um und flanieren zur Oper. Tagsüber beeindruckend, aber eher nüchtern, erstrahlen das Gebäude und seine Fenster abends in hellem Glanz. Innen findet man sich in den späten 50er Jahren wieder. Wir sind zu früh und fast alleine. Von oben bestaunen wir den Augustusplatz mit Buden, Schneemann und Eisfläche (Weihnachtsmarkt Ende Februar!). Das leuchtende Riesenrad spiegelt sich in der Fassade der ehemaligen Hauptpost, das neue Gewandhaus mit Sighard Gilles Deckengemälde strahlt von gegenüber, daneben leuchtet das futuristische Paulinum der Universität.

Abendlicher Marktplatz
Neues Gewandhaus mit Mendebrunnen

Das Foyer füllt sich, und wir beobachten: Der Leipziger trägt gerne Fliege. Bei uns im Karlsruher Staatstheater eher selten zu sehen. Wir hören und sehen „Arabella“ von Richard Strauss und genießen das sehr erfreuliche Gewandhausorchester mit Ulf Schirmer.

Foyer der Oper Leipzig
Warten auf Arabella

Auf Anraten der qualifizierten und qualifizierenden Hirsch-Reiseleiterin Liebscher unternehmen wir am nächsten Vormittag eine Stadtrundfahrt im Doppelstockbus. Die Führerin gestaltet die 1 ½ Stunden mit Leipziger Akzent und trockenem Humor durchweg unterhaltsam. Der Einheimische hat offensichtlich für alles und jeden einen deftigen Spottnamen. Uns ermöglicht die Rundfahrt aus der oberen Etage des Busses einen Überblick über die Stadt. Wir sehen bürgerliche und sozialistische Prunkbauten, ausgedehnte Gründerzeitviertel mit herrschaftlichen Villen, das düstere Völkerschlachtdenkmal, den berühmten Zoo, große Parks, Wasserstraßen und hippe Stadtviertel. Nach einem bedrückenden Besuch im Stasi-Museum „Runde Ecke“ und einer Soljanka in Zills Tunnel treffen wir uns vor Auerbachs Keller mit Frau Liebscher.

Zeitgeschichte
Büro der Abteilung „Horch und Guck“

Sie führt uns zu Fuß durch die Passagen und Handelshöfe der Stadt, und zur Nikolaikirche. Hier begann die „Wende“, die mutigen und friedlichen Montagsdemonstrationen, der große Zusammenbruch, Umbruch, Aufbruch. Ungemein bereichernd, dies von einer Zeitzeugin erzählt zu bekommen und anschließend bei einem Kaffee zu vertiefen.

Marktplatz bei Sonne
Zills Tunnel (links)
Einkaufspassagen
Mehr Einkaufspassagen
Vor Auerbachs Keller
Wandkunst
Nikolaikirche mit Palmensäule
Auf einen Kaffee mit Hirsch-Reiseleiterin Frau Liebscher

Dabei auch ein Thema: die Rolle der Frau in der DDR. War sie emanzipierter? Passend dazu sehen wir am Abend „Little Women“ in einem kleinen Programmkino in der Innenstadt. Einfach nur, weil wir es können, so einfach ohne Babysitter (die Kinder sind in Karlsruhe geblieben!).

Am nächste Morgen fahren wir mit der Straßenbahn zum monströsen Völkerschlachtdenkmal. Mit dem „See der Tränen“, in dem sich das Monument spiegelt, erinnert es an das Taj Mahal. Der Inder baut ein solches Bauwerk für die Liebe, der Deutsche für den Krieg. 500 Stufen sind es ganz hinauf, durch enge Gänge, mit Blicken auf die riesigen Figuren in der Krypta innen und auf die Landschaft draußen. Die Aussicht ist das schönste. Im Museum, wieder unten, ist die Geschichte gut aufbereitet.

Düsteres Völkerschlachtdenkmal I
Düsteres Völkerschlachtdenkmal II

Zu Fuß gehen wir in die Stadt zurück, die Entfernung unterschätzend. Unterwegs besuchen wir die russische Kirche, dem Völkerschlachtdenkmal nachempfunden, nachdem man der russischen Toten nicht gedenken wollte, mit einer großen Ikonenwand und Weihrauchduft. Auf der „Kali“, der Karl-Liebknecht-Straße in Leipzigs Süden, begegnen wir der „Löffelfamilie“ der VEB Feinkost und essen eine vegane Brokkolisuppe in einem Biomarkt.

Russische Kirche
Ikonenwand
„Löffelfamilie“
Linke Alternativen

Zurück im Zentrum besuchen wir die zeitgenössische St. Trinitatis-Kirche, der größte Kirchenneubau im Osten seit 1989. Selten eine so „nackte“ katholische Kirche gesehen, aber wenn die Sonne hineinscheint und das Kreuzzeichen an die Wand malt sicher stimmungsvoll. In der Außenwand ist die Bibel zu lesen, auch zwischen den Zeilen. Komplett erschöpft erreichen wir das Hotel – zum Abendessen gibt es vietnamesische Küche von den einst sozialistischen Brüdern.

St. Trinitatis

Dritter Tag, Dienstag, die Museen haben offen! Ein Besuch im Grassi-Museum ist geplant, es sind drei Museen in einem, wir entscheiden uns für die „Angewandte Kunst“. Der Rundgang dauert über zwei Stunden, es ist zu faszinierend, was hier gesammelt wurde – kunsthandwerkliche Perfektion von den alten Griechen bis zur Gegenwart. Einige Male lösen wir Alarm aus, bei zu naher Betrachtung frühmittelalterlicher Altäre, aber die Aufsichtspersonen winken entspannt (oder gleichgültig?) ab. Der Leipziger ist eher gemütlicher Natur, scheint es.

Das Grassi-Museum – 3 Museen in einem!
Pfeiler-Halle im Grassi-Museum

Draußen regnet es, wir flüchten ins Paulinum, dieser schräge futuristische Neubau der Universität mit Aula und Kirche, und anschließend in die vielen Passagen der Innenstadt. Ist der Leipziger konsumfreudiger, oder wieso gibt es hier derart viele Geschäfte und Einkaufszentren? In einer Bar in der Mädler-Passage gibt es „gebratene Leber mit Kartoffelschnee“, das muss ich essen. Den Nachmittag verbringen wir bei Mendelssohn-Bartoldy, dessen einstiges Wohnhaus in ein faszinierendes, interaktives Museum umgebaut wurde. Im Erdgeschoss kann man ein virtuelles Orchester dirigieren, im ersten Stock ist die Wohnung des Künstlers mit kleinem Konzertraum nachempfunden – hier wird für unsere Hirsch-Reisen ein kleines Kammerkonzert organisiert! Der zweite Stock ist seiner begnadeten Schwester Fanny Hensel gewidmet. Ein liebevolles Museum, und technisch up to date!

Paulinum
Mendelssohn-Haus – einmal Dirigent sein …
Hier hören die Hirsch-Gäste ein exklusives Kammerkonzert

Am Abend gehen wir ein letztes Mal essen auf Leipzigs „Restaurantmeile“, im Barfussgässchen, bevor wir uns am nächsten Morgen auf die Rückreise machen – auch wenn es noch so viel zu sehen gäbe!