Kuren in Marienbad – die etwas andere Hirsch-Reise

Es beginnt wie fast jede Hirschreise: Man steht früh auf, erklimmt den Hirschbus am Ludwigsplatz oder am Bahnhof oder einem anderen Ort. Dann fährt man ein Stück und landet früher oder später an einem pittoresken Ort, in diesem Fall im tschechischen Marienbad. Hier wartet ein freundlicher Reiseleiter und führt die Gruppe mit reichlich Fachwissen und ebenso viel Humor durch das Städtchen. Er überzeugt mit Daten und Fakten und würzt den Vortrag mit Geschichten und Anekdoten.

Wandelhalle Marienbad

Dann erklimmt man wieder den Bus. Aber anstatt weiterzufahren nach Prag, wo der Großteil der Mitreisenden die nächsten Tage verbringen wird, geht es für ein paar Einzelpersonen zum nahe gelegenen Hotel Falkensteiner. Das Hauptgebäude, ein ehemaliges Casino aus der Jugendstil-Zeit, wurde mit drei weiteren Gebäuden verbunden und bildet so eine schöne Anlage um einen Innenhof mit Terrasse und Pool. Auf Wunsch gibt es hier Kuranwendungen und der Bäderarzt steht ebenso bereit wie das gesamte Team im Spa-Bereich. Und auch kulinarisch kann man sich hier verwöhnen lassen: abends lockt ein Fünf-Gänge-Menü im Rahmen der Halbpension und wie wäre es zum Frühstück mit Eggs Benedict? Am späten Abend geht es in die großzügige Bar, im Sommer auch gerne mit Live-Musik und Jazz auf der Terrasse.

Zum Frühstück lassen wir uns Eggs Benedict schmecken

Und dann darf man Marienbad individuell erkunden. Zuerst steht eine wichtige Entscheidung an: Welche Schnabeltasse soll man nur kaufen? Denn die gibt es in groß und klein, bauchig und flach, modern und kitschig. Und man braucht sie unbedingt, um an den diversen Quellen das jeweilige Heilwasser durch den Schnabelgriff zu schlürfen. Jeder Brunnen ist individuell gestaltet und sein Wasser lindert das eine Leiden oder das andere Zipperlein. Und manchmal kann man sogar sehen, wie unterschiedlich das Wasser ist, zum Beispiel wenn die Rudolph-Quelle in den Bach strömt, der den Kurpark durchfließt. Das mit der Heilkraft des Wassers wussten auch schon Kaiser Franz-Joseph von Österreich und König Georg VI aus England zu schätzen, die regelmäßig Gast in Marienbad waren.

Typische Schnabeltassen für Quellwasser in Marienbad
Spa-Kollonaden Ferdinandsquelle

Wer nicht nur kuren möchte, sondern sich auch sportlich betätigen will, dem seien die Wälder rund um Marienbad zum Wandern empfohlen. Zuerst gilt es, die Hügel rund um den Ort zu erklimmen, vorbei an dem ein oder anderen Prachtbau, der katholischen und der orthodoxen Kirche und diversen Bäderhotels. Belohnt wird man mit klarer Luft und einer grandiosen Aussicht auf den Ort und die Umgebung. Zahlreiche Ausflugslokale, die auch schon zur Blütezeit des Kurorts bekannt waren, gibt es immer noch oder wieder. In der Saison sollte man auf keinen Fall die Heidelbeer-Palatschinken, mit herrlich aromatischen Waldheidelbeeren, im Luna-Park verpassen. Rund um das Hotel Rübezahl gibt es einige Einkehrmöglichkeiten. Und die Aussicht vom gut ausgeschilderten Turm ist einfach klasse.

Wunderschöner Hochalter der katholischen Kirche
Und ein beeindruckender Blick in die Kuppel
Fassade des Hotels Esplanade
Vom Kurpark aus genießt man einen schönen Blick auf diverse Hotels in Marienbad
In den Genuss dieses herrlichen Panoramablicks auf Marienbad kommt man bei einer Wanderung auf dem Königsweg
Panoramablick auf Marienbad vom Skihang aus

Marienbad gehört seit 2021 als Bäder-Kurort zum UNESCO-Weltkulturerbe (wie im übrigen auch Baden-Baden). Es ist ein Ort, der gerade aus seinem Dornröschenschlaf zu erwachen scheint. Viele Gebäude erstrahlen in üppiger Pracht, einige in der zweiten und dritten Reihe träumen noch vor sich hin. Und so manch ein Gebäudefrosch wartet noch auf den Kuss der Prinzessin. Aber gerade das macht den Charme aus. Hier trifft man Kunst und Kaffeehauskultur. Und der musikalische Brunnen lockt immer zur ungeraden Stunde hunderte von Schaulustigen an. Gerade am Abend ist das ein Spektakel, das sich lohnt. Vor allem, wenn Wiener Klassik die Wassermassen begleiten oder Beethovens 5te. Ganz besonders lohnt sich die Moldau!

Und spätestens am Ende der Reise weiß man, warum Nietzsche hier in den Wäldern philosophierte. Und warum der Ort Wagner zu Teilen seines Lohengrins inspirierte. Selbst Goethe war dem Charme des Kurstädtchens erlegen. Und dem Gast Chopin hat Marienbad im Sommer ein musikalisches Festival gewidmet. Was Kaisern und Königinnen für die Sommerfrische diente, das steht Hirschreisenden auch gut zu Gesicht. Viel zu schnell sind die Urlaubstage verflogen. Und die Reise endet dann doch wie jede Hirschreise: Man erklimmt den Bus, lässt sich in Richtung Heimat fahren und blättert schon mal im Katalog, um die nächste Reise zu planen…

Autor und Fotograf: Thorsten Frewer

Thorsten Frewer stammt aus Warburg und absolvierte seine Ausbildung zum Hotelkaufmann im Hotel Bareiss in Baiersbronn. Nach einem Sprachstudium in Paris kehrte er ins Bareiss zurück und organisierte als Reservierungs- und Kassenleiter u.a. Branchentreffs der Spitzengastronomie und -hotellerie. Nach einer Zwischenstation als Berater bei einem Software-Hersteller war er von 2002 – 2019 bei Michelin in Karlsruhe u.a. als Hotel- und Restaurantinspektor beschäftigt. Heute ist er selbständiger Unternehmer, engagiert sich politisch als Stadtrat und ist auf vielfältige Weise ehrenamtlich tätig. Seit 2022 lässt er als weitgereister und polyglotter Kenner auch Hirsch-Reisende an seiner kulinarischen Leidenschaft mit viel persönlichem Engagement teilhaben.