Kultur und Natur im Dreiländereck

„Görliwood“ wird Görlitz aufgrund der Vielzahl an bekannten Filmkulissen oft genannt. Aber die beschauliche Stadt und vor allem das Umland haben noch so viel mehr zu bieten, das wir in den kommenden Tagen entdecken werden. An einem verregneten Morgen Anfang August machen wir uns mit Busfahrer Klaus Schalk auf den Weg Richtung Osten. Die Fahrt verläuft reibungslos und wir erreichen Görlitz um 16 Uhr, wo uns Reiseleiter Aleksander Stec bereits erwartet. Unser Hotel „Am Goldenen Strauss“ befindet sich direkt in der Altstadt, was die Anfahrt mit dem Bus etwas schwierig gestaltet, aber für unsere Erkundungstouren natürlich perfekt ist.

Nach Empfang durch die Hotelchefin und kurzer Erholung starten wir unseren Stadtrundgang. Wir haben Glück, mittlerweile ist es trocken und sogar die Sonne lässt sich blicken. Unser Hotel liegt am Marienplatz mit seinem markanten „Dicken Turm“, einer von drei erhaltenen Wach- und Wehrtürmen der historischen Stadtbefestigung. In ein paar Minuten kommen wir zum Obermarkt, einer der größten Plätze der Stadt. Er wird von hübschen Bürgerhäusern gesäumt, nur die in der Mitte parkenden Autos stören das Bild ein wenig. Uns fällt auf, dass generell wenig los ist und Herr Stec hat sogleich eine Erklärung parat: Viele Touristen sind Tagesausflügler aus Dresden, die zu dieser Stunde schon wieder auf dem Heimweg sind. Gut für uns, da wir ungestört Fotos knipsen können.

Ein paar Schritte weiter befindet sich der Untermarkt, ebenfalls mit hübschen Häusern, dem Neptun-Brunnen sowie dem Alten Rathaus mit astronomischer Uhr. Wir sehen außerdem das Neue Rathaus im Stil der Neorenaissance und hören von der Sage der Verrätergasse. Zum Abschluss des Rundgangs und des Anreisetages genießen wir ein leckeres Abendessen in einem gemütlichen Lokal.

Das Wetter am heutigen Tag ist leider nicht mehr so gut, unsere Entdeckungstour am Vormittag werden wir dennoch trockenen Fußes schaffen. Gegenüber vom Hotel befindet sich das alte Jugendstil-Kaufhaus, das als Kulisse für „Grand Budapest Hotel“ diente.

Mit der Straßenbahn erreichen wir das Heilige Grab, eine originalgetreue und einzigartige Nachbildung des Heiligen Grabes von Jerusalem und ein bedeutender Wallfahrtsort. Die gesamte Anlage ist in einen Landschaftsgarten eingebettet, der die Landschaft rund um Jerusalem nachbildet und jeden Karfreitag finden hier Prozessionen statt.

Wir gehen weiter in Richtung Neiße, die Görlitz von ihrem polnischen Pendant Zgorzelec trennt. Auf der Brücke, die die beiden Städte verbindet, patrouillieren Polizisten, aber wir sehen harmlos aus und werden nicht kontrolliert. Wir genießen den Blick auf die St. Peter und Paul-Kirche, deren Türme das Wahrzeichen der Stadt darstellt. Gleich werden wir sie noch näher kennenlernen. Auf polnischer Uferseite befindet sich das Wohnhaus von Jakob Böhme, wo er einige Jahre seines Lebens verbrachte.

Nun erwartet uns das Highlight des heutigen Tages: der berühmte Orgelpunkt in der Peterskirche, der in den Sommermonaten dreimal wöchentlich kostenlos besucht werden kann. Wir erhalten noch eine kurze Privatführung durch die Leiterin der „Offenen Kirchen“, bevor wir als „Ehrengäste“ unsere Plätze in den ersten Reihen einnehmen. Die Sonnenorgel wurde vom kaiserlichen Hoforgelbaumeister Eugenio Casperini erschaffen und verfügt über strahlenförmig angeordnete Pfeifen, die ihr ihren Namen verliehen. Wir lauschen mehreren Stücken; sogar Vogelstimmen kann sie imitieren. Echt beeindruckend!

Anschließend haben wir Freizeit. In unmittelbare Nähe zur Kirche kehre ich mit einigen Mitreisenden im Caféhaus Lucullus ein, das für seine Kaffee- und Kuchenspezialitäten bekannt ist. Frisch gestärkt nehmen wir uns das Barockhaus vor, das uns Herr Stec tags zuvor empfohlen hat. Als Wohn- und Geschäftshaus eines Textilhändlers im 18. Jh. gehört es zu den prachtvollsten Kaufmannshäusern der Altstadt. Die zahlreichen Ausstellungsräume widmen sich der bürgerlichen Kultur des Barocks und beherbergen u.a. einen historischen Bibliothekssaal der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften. Vom zwischenzeitlichen Regenschauer bekommen wir wenig mit und treffen am Abend die anderen Gäste wieder, um den Tag beim gemeinsamen Abendessen ausklingen zu lassen.

Am nächsten steht ein Ausflug in das Görlitzer Umland auf dem Programm. Erstes Ziel ist das Kloster St. Marienthal, idyllisch in der Oberlausitz gelegen. Es ist das älteste Zisterzienserinnen-Kloster Deutschlands, das seit seiner Gründung ununterbrochen besteht. Wir erhalten eine interessante Führung durch eine der Schwestern und dürfen uns anschließend noch etwas selbst umsehen. Der Klosterladen erfreut sich großer Beliebtheit.

Danach geht es weiter nach Zittau, wo wir die Schmalspurbahn nach Oybin besteigen. Obwohl ich während meines Studiums jahrelang in Wernigerode gewohnt habe, habe ich es nie geschafft mit der Harzer Schmalspurbahn zu fahren. Daher freue ich mich, dass ich es nun nachholen kann. Das gute Wetter und der Umstand, dass es die letzte Woche der Sommerferien in Sachsen ist, sorgen dafür, dass der Zug ziemlich überfüllt ist und sich an jeder Haltestelle noch mehr Leute reinquetschen möchten. Wir sind froh über unsere reservierten Plätze im Speisewaggon und lassen die Landschaft bei einem Getränk an uns vorbeiziehen. Die Endstation ist der beschauliche Kurort Oybin im Zittauer Gebirge. Aufgrund der Nähe zur Grenze sind hier auch einige tschechische Tagesausflügler unterwegs. Der Ort ist bekannt für seine Bergkirche, die sich etwas unscheinbar hinter den Häusern am Berghang versteckt. In ihrem Inneren aber offenbart sie erstaunliche Malereien, die erklären, warum sie als Kleinod des deutschen Bauernbarocks gilt.

Wenn man nicht gerade wandern möchte, hat der Ort nicht viel mehr zu bieten und so geht es für uns nach kurzem Aufenthalt mit dem Bus und Fotostopp mit Blick auf die Sudeten zurück nach Zittau. Am charmanten Marktplatz laden zahlreiche Restaurants und Cafés zu einem Mittagsimbiss ein.

Gut gestärkt erwartet uns in der Kreuzkirche ein Vortrag zum Großen Zittauer Fastentuch, 1472 angefertigt und einzigartig in Deutschland. Es ist beeindruckend groß und gut erhalten und erzählt in 90 Bildern biblische Geschichten aus dem Alten und Neuen Testament. Fastentuch wird es genannt, da es früher üblich war in der Fastenzeit vor Ostern Kreuze und Reliquien zu verhüllen und zwischen Gemeinde und Altar ein Tuch aufzuhängen. Wir erfahren, wie sowjetische Soldaten und eine provisorische Sauna im Wald seine Geschichte beeinflusst haben und bekommen weitere spannende Fakten erläutert.

Auf dem Rückweg legen wir noch einen Stopp in Herrnhut ein, bekannt als Gründungsort der gleichnamigen Brüdergemeinde aber vor allem durch die berühmten Herrnhuter Sterne. In der Schauwerkstatt sehen wir einen kurzen Film, bevor wir den Mitarbeitern beim Kleben der kleinen Sterne aus Kunststoff oder Papier über die Schulter schauen dürfen. Obwohl Weihnachten noch lange hin ist, wird fleißig Deko geshoppt.

Zurück in Görlitz, geht es für mich nach dem Abendessen noch eine Runde durch die Altstadt und am beleuchteten Neiße-Ufer entlang.

Heute komme ich zum ersten Mal in unser schönes Nachbarland Polen, Heimat unseres Reiseleiters Herrn Stec. Bei strahlendem Sonnenschein erreichen wir unser erstes Ziel Hirschberg (Jelenia Góra) in Niederschlesien. Der Marktplatz besticht mit seinen farbenfrohen Bürgerhäusern und der Hirsch ist hier, wie der Ortsname vermuten lässt, omnipräsent.

Durch das Hirschberger Tal, aufgrund seiner Vielzahl an Schlössern und Herrenhäusern auch „Schlesisches Elysium“ genannt, erreichen wir mit dem Schlossgut Lomnitz (Pałac Łomnica) eines davon. Wir hören von der spannenden Familiengeschichte und dürfen uns anschließend ausgestattet mit einer informativen Broschüre in den zahlreichen Räumen selbst umschauen. Der weitläufige Park, der das Schloss umgibt, macht bei dem blauen Himmel besonders viel her.

Nach kurzer Weiterfahrt erreichen wir Krummhübel (Karpacz), ein beliebter Ferienort im Riesengebirge. In einer urigen Holzhütte lassen wir uns ein landestypisches Mittagessen schmecken. Im Ortsteil Brückenberg (Karpacz Górny) noch etwas weiter den Berg hinauf befindet sich unser nächstes Ziel – die norwegische Stabkirche Wang. Sie ist nur zu Fuß über einen ziemlich steilen aber kurzen Weg zu erreichen und die Mühen werden mit einem herrlichen Ausblick auf die Schneekoppe, mit gut 1600 m höchster Berg im Riesengebirge, belohnt. Die Kirche wurde 1841 vom preußischen König Friedrich Wilhelm erworben und in Einzelteilen aus ihrer Heimat Norwegen zu ihrem heutigen Standort gebracht und wieder aufgebaut. Die „Führung“ ist etwas eigenwillig, da sie vom Band kommt, aber sie schmälert nicht die beeindruckende Innenausstattung aus Kiefernholz mit reich verzierten Ornamenten und Schnitzereien.

Nachdem allem was wir heute schon erlebt haben, könnte man meinen, dass jetzt Schluss ist, aber ein letzter Programmpunkt erwartet uns noch: Haus Wiesenstein in Agnetendorf (Jagniątków), Villa des Schriftstellers und Literaturnobelpreisträgers Gerhart Hauptmann, der hier die letzten Jahrzehnte seines Lebens verbrachte. Die Ausstellung enthält Exponate aus damaliger Zeit und informiert über seine Werke. Man kann sich sogar Ausschnitte eines Dokumentarfilms anschauen, in denen der Schriftsteller seine eigenen Werke vorliest.

Da wir erst kurz vor 19 Uhr zurück in Görlitz sind, gibt es heute kein gemeinsames Abendessen. Während die Gäste auf der Suche nach Restaurants in alle Richtungen entschwinden, genehmigt sich das „Hirsch-Gespann“ noch einen Snack im türkischen Imbiss gegenüber vom Hotel. Ein guter Abschluss eines langen und ereignisreichen Tages!

Mit dem Ausflug nach Tschechien erwartet uns das letzte Puzzlestück des Dreiländerecks. Unser erstes Ziel ist Gablonz an der Neiße (Jablonec nad Nisou), Zentrum der Glasindustrie. Bei einem kurzen Rundgang sehen wir das Neue Rathaus am Marktplatz, Hauptattraktion aber ist das Museum für Glas und Bijouterie. Tausende von Exponaten sind hier ausgestellt – von Glasskulpturen bis hin zur weltweit größten Sammlung von Weihnachtsbaumschmuck.

Unser nächstes Ziel ist Reichenberg (Liberec), Hauptstadt der Region Nordböhmen und am Rande des Isergebirges gelegen. Zuerst machen wir einen kleinen Abstecher zu den Wallenstein-Häusern, kleine versteckte Fachwerkhäuschen aus dem 17. Jh. und damit die ältesten erhaltenen Gebäude im Stadtzentrum. Zurück am Hauptplatz bestaunen wir das imposante Rathaus im Stil der Neorenaissance. Danach ist Zeit für die Mittagspause, in der wir in einigen nahgelegenen Restaurants tschechische Spezialitäten probieren können.

Gut gestärkt erwartet uns der Bus zur Weiterfahrt zum Schloss Friedland (Frýdtland), das zu den meistbesuchten historischen Denkmälern des Landes gehört. Zusammen mit ein paar anderen Touristen werden wir durch die zahlreichen prunkvollen Räume geführt und erfahren von den vergangenen Besitzern, mehrere Adelsfamilien und Feldherr Albrecht von Wallenstein. Auch Kafka soll hier mal zu Besuch gewesen sein. Besonders beeindruckend finde ich die Schlosskapelle der Hl. Anna. Zurück am Bus erwartet uns Sekt und leckeres polnisches Gebäck – gesponsort von der Firma Hirsch.

Auf dem Rückweg mache ich noch einen kleinen Abstecher zum Berzdorfer See am Stadtrand von Görlitz. Hier wurde 170 Jahre lang Braunkohle abgebaut und nach Stilllegung des Tagebaus wurde dieser viele Jahre lang geflutet. Der so entstandene See ist heute ein beliebtes Ausflugsziel für Naturliebhaber und Wassersportler. Mit der Straßenbahn geht es problemlos zurück ins Zentrum, wo ich die Gruppe wieder treffe und wir den Abend in einem schlesischen Restaurant gemütlich ausklingen lassen.

Am Rückreisetag erwartet uns noch ein letztes Highlight: Bautzen mag zwar nicht den besten Ruf haben, seine Altstadt ist aber fast noch schöner als die von Görlitz. Auf unserem Rundgang bei hochsommerlichem Wetter sehen wir das hübsche Rathaus, den Nikolaifriedhof mit der Ruine der gleichnamigen Kirche oberhalb der Spree, die eindrucksvolle Ortenburg (beherbergt u.a. das Sorbische Museum) und natürlich den Dom St. Petri – eine der größten Simultankirchen Deutschlands. Danach bleibt noch etwas Zeit um den bekannten Bautz’ner Senf zu erstehen und sich mit Proviant einzudecken, bevor wir uns auf den Heimweg nach Karlsruhe machen.

Ein herzliches Dankeschön an Reiseleiter Aleksander Stec, Fahrer Klaus Schalk und die netten Mitreisenden für eine schöne Reise mit vielen neuen Eindrücken!

Schreibe einen Kommentar

You must be logged in to post a comment.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahren Sie, wie Ihre Kommentardaten verarbeitet werden.