Veröffentlicht am Autor , Stefan Simonis

Hirsch Reise Belgien

Sitz der EU, Sprachenstreit, gescheiterte Regierungsbildungen, belgischer Separatismus – unser kleines Nachbarland kann sich nicht über mangelnde Aufmerksamkeit der Medien beklagen. Doch was verbirgt sich dahinter? Und wie sieht es außerhalb Brüssels aus, in Städten wie Brügge, Gent oder Antwerpen? Zeit, sich selbst ein Bild zu machen und das Land mit kompetenter Führung selbst zu entdecken …

Atomium in Brüssel
Atomium in Brüssel

Die Fahrt führt von Karlsruhe aus über Rhein und Mosel gen Norden (Frühstückspause an der Raststätte Brohltal), vorbei an den großen Braunkohletagebaugebieten und Aachen. Die Mittagspause findet bereits in Belgien auf der Höhe von Leuven statt, und gegen halb drei erreichen wir Brüssel bei strömendem Regen – es folgt das Wochenende, an dem halb Ostdeutschland und Bayern in den Fluten versinken.

Unsere Reiseleiterin Frau Dr. Michel empfängt uns an der Place Royal. Angesichts des Wetters beginnen wir trocken mit dem Königlichen Museum für schöne Künste. Frau Dr. Michel hat hier jahrelang gearbeitet und eine fast persönliche Beziehung zu vielen der Kunstwerke. Sie richtet unser Augenmerk auf ausgewählte Beispiele der „flämischen Primitiven“, erklärt herausragende Werke von Breughel, Bosch, van Eyck, van Dyck und Rubens und hilft uns z.B. die Signatur eines Lucas Cranach zu erkennen.

Wieder draußen erweist sich das Timing als perfekt, der Regen hat aufgehört. Der Bus fährt uns durch den Brüsseler Stadtverkehr zur Kathedrale St. Michel mit ihren beeindruckenden Glasfenstern. Nach dem Besuch spazieren wir Richtung Zentrum, durch die Glasgalerie St. Hubert zur Grand Place mit dem Rathaus. Der Begriff „Bürgerplatz“ wird bei der Erklärung der Häuser deutlich – keine herrschaftlichen Adelspaläste, sondern Bürger- und Zunfthäuser. An finanziellen Mitteln scheinen es diese Bürger allerdings durchaus mit dem Adel anderer Länder aufnehmen zu können.

Brüsseler Bürgerhäuser
Brüsseler Bürgerhäuser

Der Bus wartet bei der Kathedrale und fährt uns zum Hotel unweit des Justizpalastes. Der Check-In geht zügig, die Zimmerkarten sind schon vorbereitet, nur der Zimmerbezug verzögert sich etwas – es gibt nur zwei kleine Aufzüge. Dass das belgische Tempo ein anderes scheint als das nach höchster Effizienz strebende deutsche ist uns schon bei der Mittagspause aufgefallen, im Restaurant der Autobahnraststätte. Zum Abendessen gibt es ein 3-Gang-Menu in der Brasserie des Hotels, selbstverständlich mit belgischem Bier.

EU-Gebäude in Brüssel
EU-Gebäude in Brüssel

Am nächsten Morgen herrscht im Frühstücksaal ein wahrhaft internationales Chaos, mit Gästen aus aller Herren Länder, die miteinander um Platz und Kaffeemaschine ringen. Glücklicherweise haben wir für uns einen separaten Frühstücksraum, so dass wir den Tag entspannt beginnen können. Ein volles Programm erwartet uns.

Brüssel scheint über mehr Baustellen als Karlsruhe zu verfügen, was in Kombination mit dem Verkehr nicht zu zügiger Reisegeschwindigkeit beiträgt. Glücklicherweise haben wir mit Herrn Dick einen nicht aus der Ruhe zu bringenden Fahrer, und mit Frau Dr. Michel eine Reiseleiterin, die längere Fahrtzeiten mit Erzählungen und Anekdoten zu überbrücken weiß. Dank Kindern und Enkeln kennt sie die belgischen Alltagsprobleme aller Generationen aus eigener Erfahrung, und berichtet gerne darüber – seien es Sprachprobleme, Schulsystem, Ausbildung oder Berufsalltag.

Reiseleiterin Frau Michel im Einsatz
Reiseleiterin Frau Michel im Einsatz

Nach etwa zwei Stunden kommen wir in Brügge an und erkunden die einst so reiche und stolze Stadt zu Fuß. Frau Dr. Michel erzählt von Hanse und Kaufleuten, von Tuchindustrie und burgundischen Herzögen, von Habsburgern und Industrialisierung. Auf den Kanälen schippern Boote voll winkenden Touristen, wir sehen den gotischen Rathaussaal, eine Madonna von Michelangelo, begegnen wieder den „flämischen Primitiven“, begehen die Mittagspause stilgerecht mit Pommes und Bier und weichen Vorfahrt habenden Radfahrern aus. Es bleibt der Eindruck eines sehr netten und charmanten Museumsstädtchens von einst unvorstellbarem finanziellem und kulturellem Reichtum.

Brügge Stadtansichten
Brügge Stadtansichten
Kanal in Brügge
Kanal in Brügge
Rathaussaal in Brügge
Rathaussaal in Brügge

Gemütlich würde man sich nun gerne in eine der Bierkneipen oder Cafés setzen und die Eindrücke verarbeiten (bzw. hätte man das schon vorher machen können, unsere Reiseleiterin hat es mehrfach angeboten, aber man will ja nichts verpassen und alles sehen!), jedoch harrt mit Gent eine weitere belgische Schönheit ihrer Entdeckung. In der St. Bavo-Kirche wartet eine Kopie des berühmten Genter Altars, das Original ist gerade in restauro. Im Hintergrund singt ein Männerchor, treffenderweise aus Pforzheim, Teilnehmer eines hiesigen Chortreffens. Beim Stadtbummel fällt der Unterschied zu Brügge ins Auge. Ebenfalls malerisch, wirkt Gent lebendiger und aktiver – am Fluss genießt die Jugend den Feierabend und lang ersehnte Sonnenstrahlen. Auch in Gent spürt und sieht man den einstigen Reichtum der erfolgreichen Handelsstadt.

Feierabend in Gent
Feierabend in Gent
Genter Türme
Genter Türme

Die Rückfahrt nach Brüssel zieht sich, die Strecke ist nicht lang, aber der Verkehr in Brüssel wieder chaotisch – Stop and Go über Kilometer. Nach einem vollen Tag sind alle, einschließlich Fahrer und Reiseleiter, froh, als das Hotel erreicht ist.

Der dritte Tag ist geradezu erholsam – Antwerpen steht auf dem Programm. Den ersten Eindruck der Stadt erhalten wir im Jugendstilviertel Berchem. Hier durfte um die Jahrhundertwende jeder bauen, wie er gerade lustig war. So folgt reinster Jugendstil auf mittelalterliche Burg auf italienischen Palazzo. Anschließend bringt der Bus uns ins Zentrum. In der Nähe des Bahnhofs durchfahren wir das Diamantenviertel. Es ist Samstag, die meisten Läden haben geschlossen, dafür sehen wir viele Juden in traditioneller Kleidung, die Männer mit Schläfenlocken, Frauen mit Perücke, die Kinder fein zu recht gemacht. Einen kleinen Umweg nehmen wir über den Hafen, um einen Blick auf die riesigen Becken zu werfen und einen Eindruck von der wirtschaftlichen Bedeutung zu bekommen.

Marktplatz in Antwerpen
Marktplatz in Antwerpen

Auch in Antwerpen erwartet uns ein beeindruckender Marktplatz mit Rathaus und Zunfthäusern. Sehenswert die zahlreichen Hochzeitspaare, die sich im Rathaus im Minutentakt das Ja-Wort geben. In der gewaltigen Kathedrale gibt es Rubens satt, die Kirche ist Gotteshaus und Museum in einem. Durch die Fußgängerzone kommen wir zum Geburtshaus des Künstlers. Der schöne Garten ist eine Oase der Ruhe, das Anwesen eines „Malerfürsten“ angemessen. Nach Brügge und Gent ist Antwerpen jetzt schon die dritte Stadt, in der man gerne mehr Zeit verbringen würde, um z.B. das Neue Museum im alten Hafen ausführlich besuchen zu können. Aber dann müsste die Reise mindestens doppelt so lange dauern.

Rathaus von Antwerpen
Rathaus von Antwerpen

Am frühen Nachmittag sind wir zurück in Brüssel, und die anschließende „Freizeit“ wird von den Mitreisenden mindestens so geschätzt wie die Führungen– zahllose Museen stehen zur Auswahl, aber auch Cafés und Geschäfte. Für mich heißt es standhaft bleiben und vorbei an Straßencafés und belgischen Bierkneipen auf Hotelbesichtigungstour zu gehen. Es ist schwierig, denn die Hotels direkt im Zentrum sind nicht mit dem Bus anzufahren. Die Hotels in Bahnhofsnähe lägen für die Tagesausflüge zwar günstiger, allerdings ist die Umgebung für den abendlichen Stadtbummel nicht gerade geeignet. So scheint das aktuelle Hirsch-Hotel ein ganz guter Kompromiss, in einem angenehmen Viertel mit Restaurants und Geschäften und in Fußentfernung zur Altstadt. Komischerweise verfügen selbst Hotels mit 200 Zimmern scheinbar nur über einen Frühstücksraum und eine Kaffeemaschine.

Nach den vielen Fußmärschen der letzten zwei Tage gibt es heute nochmals Brüssel aus dem Bus zu entdecken. Ob die ebenfalls prachtvollen EU-Gebäude als Pendant zu den Bürgerhäusern der Vergangenheit zu sehen sind? Gewünscht wäre das wohl. Nach einem Blick auf das „grüne“ Brüssel mit Parks und Gartenstadt kehren wir in die Nähe des Hotels, auf den Sablonplatz, zurück. Ein Antiquitätenmarkt und Pralinengeschäfte laden zu letzten Einkäufen ein, und auch in den Straßencafes kann man sein Geld loswerden – mein einfacher Espresso schlägt mit Euro 3,95 zu Buche.

Atomium in Brüssel
Atomium in Brüssel

Den letzten kulturellen Eindruck von Brüssel vermittelt das Atomium, den kulinarischen Schlusspunkt setzt die dortige Pommesbude. Anschließend verabschiedet sich unsere Reiseleiterin Frau Dr. Michel, die uns die letzten 3 Tage Belgiens Geschichte und Gegenwart anschaulich und unterhaltsam näher gebracht hat, und wir machen uns auf die Rückreise. Vier Reisetage waren kurz, aber gut geeignet, zumindest einen Einblick in unser (mir bis dato zumindest erstaunlich unbekanntes) Nachbarland zu erhalten.

Und sollten aus Belgien in Zukunft zwei Länder werden, weiß ich wenigstens wie alles kam.