Veröffentlicht am Autor , Stefan Simonis

Antiochia und Kappadokien

In Iskenderun muss ich umsteigen, und nachdem ich mich vom Busbahnhof zum Abfahrtsort der Dolmus durchgefragt habe, sitze ich in einem proppevollen Kleinbus nach Antakya. Bzw. nach Hatay, was nur ein anderer Name für die gleiche Stadt ist, was man aber wissen sollte, wenn man ein Transportmittel dorthin sucht. Das Dolmus fährt nicht direkt ins Zentrum, sondern wirft mich in angeblicher Nähe des Hotels raus, und ich rolle mit meinem Köfferchen entlang des Orontes auf der Suche nach der Unterkunft. Ich erwische nur den Hintereingang, hinter einer Tür finde ich dennoch die Lobby. Eigentlich nicht zu übersehen, wenn man den richtigen Eingang nimmt. Es gibt sogar einige Läden im Hotel, unter anderem einen Schmuckladen. Besitzer ist Herr Jan, gleichzeitig Vorsitzender der orthodoxen Gemeinde von Antakya und, an seinem Deutsch erkennbar, lange Jahre in Pforzheim sesshaft. Er nimmt mich unter seine Fittiche. Wir schauen im Basar nach seinem zweiten Laden, spazieren durch die alten Gassen von Antiochia, er zeigt mir „seine“ Kirche und stellt mich dem Pfarrer vor.

Das berühmte Mosaikenmuseum habe ich mir für den nächsten Morgen vorgenommen. Und es ist wirklich sehenswert. Ich bin alleine im Museum und habe alle Zeit der Welt, in Ruhe die gewaltigen römischen Mosaiken, teils auf dem Boden und teils an der Wand, zu betrachten. Leider kann ich keine Postkarte kaufen, weil der verantwortliche Postkartengeldkassierer erst nachmittags da ist. Das Geld einfach passend hinlegen bzw. dem Eintrittskartengeldkassierer geben ist völlig unmöglich.

Anschließend führt mir Jan seinen Mercedes vor, und wir machen eine große Tour in die Umgebung – zur Petrusgrotte und über Hügel voll malerischer Dörfer und Haine mit Mandarinen- und Olivenbäumen, bis ans Meer zum alten Hafen von Antiochia, Seleukia Pieria. Bevor wir den Titus-Tunnel inspizieren essen wir eine „Kleinigkeit“ – unter Fischweck verstehen sie ein halbes Baguette mit frischem Fisch und einen Berg frischen Salat. Der „Tunnel“, eine von Kaiser Vespasian aus dem Fels gehauene Schlucht, führt in eine nette Landschaft, mit Feldern voll Dill und Petersilie. Die Mandarinen wachsen von den Bäumen in den Mund, man genießt den Blick auf das Meer und die Berge, die die nahe Grenze zu Syrien markieren. Eine ausgesprochen angenehme Gegend.

Tags darauf ist wieder Busfahren angesagt. Zu Fuß suche ich zunächst den kleinen Busbahnhof in Innenstadtnähe, von da geht es mit dem Dolmus zum großen Busbahnhof. Den richtigen Bus finde ich problemlos, es ist ein schicker mit kleinen Bildschirmen an jedem Sitz. Vier Stunden später komme ich in Adana an, eine staubige Millionenstadt und mir bekannt durch den gleichnamigen Kebab. Ein Dolmus fährt vom Busbahnhof in die Innenstadt. Wenn ich jetzt noch wüsste, wo ich aussteigen muss. Irgendwann ist aber eh Ende der Straße wegen Baustelle. Ein netter Mitreisender weiß wo mein Hotel liegt, und zeigt mir den Weg. Ich liefere mein Gepäck ab und mache mich gleich wieder auf den Weg ins 30 Kilometer entfernte Tarsus. Ich finde einen Kleinbus, der mich zum Busbahnhof zurück fährt, dort steige ich um in ein Dolmus. Es gibt zwar eine Schnellstraße nach Tarsus, aber auf Kundenwunsch tingelt der Fahrer auch durch die kleinen Dörfer, so dass ich schnell die Orientierung verliere – sind wir nun schon in Tarsus oder nicht? Ich hoffe, dass er nicht nur bis zum Busbahnhof fährt, sondern direkt in die Stadt. Er tut es, und als ich ein altes Tor in einem Kreisverkehr sehe gebe ich Signal zum Anhalten – das muss das Kleopatra-Tor sein. Ich erfrage meinen Weg zu den übrigen Sehenswürdigkeiten: römische Ausgrabungen, Paulus-Brunnen, Altstadtgassen, Pauluskirche. Bei ersterem gibt es sogar eine kleine Tourist-Information mit einem Stadtplan, so dass ich nicht mehr gar so orientierungslos durch die Gegend stolpere. Als es dämmert mache ich mich wieder auf die Suche nach einer Rückfahrmöglichkeit. Nach kurzem Warten erwische ich ein Dolmus und fahre, wieder mit Umsteigen am Busbahnhof, zurück nach Adana.

Ich verlasse die Stadt gleich am nächsten Morgen, routiniert mit einem Kleinbus zum Busbahnhof (die Strecke kenne ich auswendig). Mein Ziel ist Ortahisar in Kappadokien. Dafür muss ich erst nach Nevsehir kommen. Im Bus ist es äußerst warm, die Klimaanlage funktioniert nicht, dafür aber die Heizung. Die draußen herrschenden 25 Grad werden in dem vollbesetzten Bus weit übertroffen. Am meisten von allen schwitzt der Beifahrer, ein kleiner dicker Mann. Für jedes Wasser, das er einem Mitfahrer reicht, muss er selbst eines trinken. Vor dem Fenster zieht derweil das Taurusgebirge vorbei, es geht durch die Kilikische Pforte, auf den Spuren von Alexander, Paulus und den Kreuzrittern. Nach etwa 3-4 Stunden machen wir Rast, alle steigen aus, und plötzlich ist der Bus weg. Wir trinken Tee und warten, und ich komme ins Gespräch mit 3 angehenden Deutschlehrern auf dem Weg zu einem Seminar. Eine von Ihnen schreibt eine Arbeit über Mevlana (Rumi), dessen Schriften ich auf meiner Iran-Reise schon kennen gelernt habe und dessen Gedenkstätte in Konya ich in 3 Tagen anschauen möchte. Er wird an diesem Tag auch dort sein, und so verabreden wir uns.

Eine Stunde später kommt endlich unser Bus zurück, aber leider haben sie es nicht geschafft die Klimaanlage zu reparieren. Nach insgesamt 7 Stunden nähern wir uns Nevsehir. Die Organisation ist perfekt, wir halten an einer Kreuzung, und man dirigiert mich in einen anderen Bus, der um die Ecke steht und der in mein Dorf fährt. Dort werde ich dann auf dem Marktplatz rausgeworfen. Nirgends ist eine Menschenseele zu sehen. In einem kleinen Lädchen finde ich aber doch einen alten Mann, der mir den Weg zum Hotel weisen kann.

Das Hirsch-Hotel ist nett, zweistöckig um einen Hof herum gelegen, auf der Rückseite ein Swimming-Pool mit Blick auf die Tuffsteine, und zum ersten Mal auf der Reise bin ich nicht der einzige Tourist – eine deutsche und eine japanische Gruppe sind schon da. Das Abendessenbuffet ist lecker.

Morgens holen mich Selcuk und ein Fahrer ab. Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, wie ich an sie gekommen bin. Er arbeitet für die hiesige Teppichkooperative, hat einige Jahre in Krefeld gelebt (hört man noch) und soll als mein Reiseleiter fungieren. Da versucht man wohl mit Hirsch Reisen ins Geschäft zu kommen.

Im Hirsch-Katalog steht die Wanderung durch das Taubental, also machen wir das. Die Landschaft ist skurril. Gemütlich schlendern wir durch die Gegend, und ich merke dass die Zeitangabe im Katalog (2 Std.) sehr großzügig ist.

Kappadokien

Anschließend das Göreme Open Air Museum. Gaudi meets Disney. Was sich die Natur dabei gedacht hat? Im Tuffstein eine byzantinische Kirche nach der anderen, teilweise noch mit erkennbaren Fresken, aber z.B. auch ein Refektorium mit aus dem Stein gehauenen Bänken. Die Karanlik Kilise, die „dunkle“ Kirche, kostet extra Eintritt, ist aber wirklich beeindruckend. Die Fresken sehen sehr restauriert aus. Danach ein Tee. Das ist alles doch deutlich professioneller als im Osten: Kassen mit Scan-Code, ein richtiger Museumsshop, Postkarten und sogar Briefmarken. Schade, dass die Kirchen nur reines Museum sind. Dadurch mangelt es etwas an Atmosphäre, finde ich.

In Avanos, dem nächsten Örtchen und berühmt für seine Töpferkunst, machen wir einen Spaziergang. Ich betrete ein kleines Lädchen, denke ich. Hinten geht es immer weiter, Atelier, Töpferei, Treppen. Was von außen wie ein kleines Häuschen aussah, erstreckt sich bis tief in den Berg. Wenig später stehe ich plötzlich 50 m entfernt oberhalb vom Eingang wieder auf der Straße. Komisch. Nach leckerem Hühnchenkebab fahren wir nach Mustafapasa, wo Selcuk viele Jahre gewohnt hat – es ist sein „Lieblingsdorf“. Im Teehaus werde ich dem Gastronomensohn und Kampfhundbesitzer vorgestellt. Angeblich liebe Kerle (Herrchen und Hund), ihr Hobby sind Hundekämpfe. Ich versuche Mindestabstand zu beiden zu wahren. Hinter dem Dorf finden wir einige alte verfallene Felskirchen, heutzutage eher als lauschige Liebesnester genutzt, vorausgesetzt Selcuk übersetzt mir die neueren Inschriften über den verblichenen Fresken richtig.

Auf der Rückfahrt zum Hotel kaufe ich noch mein Busticket für in 2 Tagen nach Konya, und dann ist es auch schon wieder dunkel. Das Hotel will auch in der absoluten Nebensaison seine Zimmer nicht leer stehen lassen, und so wird es von einer kompletten Jugendgruppe belagert – lauter als der Muezzin, und ausdauernder.

Erwartungsgemäß bin ich am nächsten Morgen recht müde. Naja, stecken ja auch schon 14 Reisetage in den Knochen, und man wird nicht jünger. Selcuk holt mich wieder ab, und wir fahren nach Derinkuyu. Hier ist eine der berühmten unterirdischen „Städte“, angeblich schon von den Hethitern angelegt, in jedem Fall aber von den Christen als Versteck genutzt. Hinter einer unscheinbaren Tür geht es schnurstracks in die Tiefe, über Treppen und durch Gänge, mehrere Stockwerke tief. Gott sei Dank ist der Weg gekennzeichnet und beleuchtet. Trotzdem kommt schnell ein Gefühl der Beklemmung auf. Es gibt da unten sogar Kirchen und unzählige Luftschächte. Mit der Zeit gewöhnt man sich an das Gefühl. Aber Wochen oder gar Monate hier unten verbringen? Nein danke. Außer uns ist noch ein Lehrer mit einer kleinen Schülerinnen-Gruppe da. Er lächelt gequält, ob wegen der Örtlichkeit oder seinen pubertierenden und kreischenden Mädels ist nicht ganz klar. Ich bin in jedem Fall froh, als ich wieder an der frischen Luft bin. Ein Tee stärkt. Im nahen Ürgüp machen wir einen Spaziergang durchs Dorf. Interessante Hotels hier, in den Felsen gebaut. Der Tourismus boomt hier augenscheinlich, auch wenn im Moment absolute Außensaison ist – die Teppichverkäufer sitzen gelangweilt vor ihren Läden und bringen keine Energie auf mich anzusprechen.

Dafür wage ich mich anschließend ins Herz des Löwen und begleite Selcuk in seine Teppichkooperative. Sehr professionell. Es gibt separate Gebäude für japanische und europäische Gäste. Die „Guides“ sprechen sämtliche Sprachen perfekt. Drinnen wird à la Sendung mit der Maus der Weg von der Seidenraupe bis zum fertigen Teppich demonstriert. Gefällt mir. Wir essen zu Mittag in der picobello sauberen Kantine der Firma. Anschließend werden mir diverse Teppiche präsentiert und erläutert. Tatsächlich interessant. Besser gemacht als die Verkaufsveranstaltungen, die ich in vielen anderen Ländern schon erduldet habe. Es gibt einige sehr nette Teppiche, die aber mein Budget mehr als sprengen – es geht bis zu mehreren 10.000,- Euro. Es gibt mehrere Verkaufsräume, Teppichpräsentatoren und Gehilfen. Wie gesagt, sehr professionell. Neben dem Verkaufstresen steht praktischerweise ein großer Geldautomat. Ich verabschiede mich dennoch ohne Kauf. Es war aber definitiv einen Besuch wert!

Mein Fortkommen am nächsten Tag gestaltet sich etwas schwierig. Eigentlich wollte die Busfirma mich ja am Hotel abholen (ich wunderte mich schon über den Service), aber ein morgendlicher Kontrollanruf ergibt, dass ich an der Hauptstraße warten soll. Der Hotelmanager ist so freundlich und fährt mich das Stück mit dem Auto. Ein großer Bus kommt und pickt mich auf, ich bin der einzige Kunde. In Nevsehir muss ich umsteigen, in den Bus um 9 Uhr nach Konya. Kurz nach zwölf bin ich dort. Ich will heute noch weiter bis Antalya (dieses Land ist so riesig) und kaufe mir gleich ein Ticket für einen Bus um 15 Uhr. Bleiben also knappe 3 Stunden für Konya. Meinen Koffer lasse ich vertrauensvoll am Busbahnhof und suche einen Bus ins Zentrum. Leider erwische ich nur einen, der nebenher als Schulbus fungiert und alle Nebenstraßen abfährt. So brauche ich eine Stunde bis ins Zentrum. Von unterwegs telefoniere ich mit Ozeyir, meinem Bekannten aus dem Bus von vor 3 Tagen. Er wartete schon bei Mevlana. Zwecks Ortsbestimmung halte ich das Telefon einfach  meinem Nachbarn hin. Der klärt dann mit Ozeyir auf türkisch alles ab, und sagt mir dann wo ich raus muss.

Wir besichtigen das Mausoleum. Es ist sehr mystisch, und viele Pilger sind da. Ozeyir schenkt mir ein kleines Büchlein mit Rumi-Sprüchen. Anschließend schlendern wir noch etwas durch die Stadt und schauen zwei Moscheen an – Konya ist eine der religiösesten und konservativsten Städte der Türkei. Die Zeit drängt, für die Fahrt zum Busbahnhof entscheide ich mich nach dem Busgeeiere für die Straßenbahn. Das klappt wunderbar, und ich bin 10 Minuten vor Abfahrt am Bus.

Bald nach Abfahrt wird es leider dunkel, und ich kann das Taurus-Gebirge nur erahnen. Unterwegs telefoniere ich mehrmals mit Ibrahim von unserer Agentur, der mich in Antalya abholen will. Ich gebe ihm meine ungefähre Ankunftszeit durch, und halte das Telefon dann wieder meinem Nachbarn hin, damit der eine Ausstiegsstelle für mich vereinbart. Außerdem rufen noch einige meiner neuen Bekannten an, die ich bisher so kennengelernt habe, um sich nach meinem Befinden zu erkundigen. Jetzt weiß ich warum man mir sagte ich brauche in der Türkei unbedingt ein Handy. Gegen halb neun bin ich wieder zurück am Mittelmeer … Fortsetzung folgt.

Ein Gedanke zu „Antiochia und Kappadokien“

  1. Schön, dass es abenteuerlustige Entdecker gibt, die einen dank Blog an ihren Erlebnissen teil haben lassen.
    Liest sich leicht und zeugt von Humor und Standfestigkeit des Herrn Simonis.

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