Veröffentlicht am Autor , Stefan Simonis

Advent im Salzkammergut

Verschneite Landschaft, steile Berge, stille Seen, Kipferl und Kaffee namens „Einspänner“ – so stellt man sich Österreich vor. Umso überraschender, wenn es tatsächlich so ist.

Sonntags anzureisen kann Vorteile haben. Macht den Hotelier glücklich, weil die Nacht Sonntag auf Montag belegt ist. Und ermöglicht freie Autobahnen – in unserem Fall die A8 über Stuttgart und München. 1 ½ Stunden früher als geplant sind wir in Ischl. Das Hotel ist zuvorkommend, die „Stubenmädchen“ haben alle Hirsch-Zimmer fertig.

Unsere Reiseleiterin, Luzia Gamsjäger (kein Künstlername), holt uns zum Rundgang ab. Es regnet in Strömen. Alle Mitreisenden, reiseerfahren, sind mit Regenschirmen ausgerüstet. Wir hören von Ischls Vergangenheit und Kaisern, Prinzessinnen und Prominenz aus Kultur und Politik. Zum Abschluss kehren wir auf Kaffee und Kipferl in der Hofkonditorei Zauner ein, an der Traun-Esplanade mit Blick auf Fluss und Weihnachtsbeleuchtung, und trinken voreilig das zum Kaffee gereichte Glas Wasser – der Kellner informiert, dass dies traditionell zum Säubern des silbernen Kaffeelöffels gedacht war. Tja. Ein Stückchen Stollen bekommen wir dennoch.

 

Am nächsten Tag ausschlafen und frühstücken – das Programm beginnt erst um 9.30 Uhr. Mit dem Bus fahren wir durchs Weißenbachtal, Jagdrevier des Kaisers, zum Attersee. Schön hier, trotz schlechten Wetters. Weiter zum Mondsee. Man könnte länger warm und trocken im Bus sitzen und die Landschaft betrachten, aber wir wechseln das Verkehrsmittel und steigen aufs Schiff. Mit uns an Bord 20 Koreaner. Wir legen ab und drehen eine Runde über den See. Dem Kapitän ist am Vortag der Kellner abhanden gekommen, nun muss er vorne steuern und hinten Kaffee servieren. Der See ist groß, wir sind allein auf dem Wasser, so dass er es mit „Autopilot“ schafft. Zusätzlich kommentiert er. Die Erklärungen auf Koreanisch kommen von Band.

Zurück im Ort eilen wir in die Basilika St. Michael. Kalt ist es. Die Kirche ist schön, frisch restauriert. Wir sind am Originaldrehort eines weltweit erfolgreichen Musicals: „in the footsteps of the von Trapp family from “The Sound of Music”“ – irgendeine Hochzeitsszene. Weltberühmt, außer bei uns. Berühmt auch die Kaffeehauskultur; der widmen wir uns anschließend zum Aufwärmen.

Nächster Programmpunkt ist das junge Europakloster Gut Aich – von Helmut Kohl wohlwollend begleitet und bedacht, wie Frau Gamsjäger erzählt. Vor Ort wartet „Juri“ auf uns zu einer mitreißenden Führung durch Klosterkirche, Klostergarten und Klostergebäude – und Shop mit allerhand Mittelchen.

Abschluss und Höhepunkt des Tages ist St. Wolfgang mit Weihnachtsmarkt und herrlichem Pacher-Altar in der Wallfahrtskirche. Zithermusik dudelt in den weihnachtlichen Gassen, kleine Feuertöpfe stehen zum Wärmen und Räuchern bereit. Die Gäste des Weissen Rössl lassen sich im Outdoorpool, der in den dunklen Wolfgangsee hineinragt, bewundern. Hirsch Reisen lädt ein zu Heißgetränk und Kuchen in das legendäre Gasthaus, bevor wir uns auf den Rückweg nach Bad Ischl machen.

Auch am dritten Tag dürfen wir ausschlafen. Das schönste Geschenk sehen wir beim Blick aus dem Fenster – es hat geschneit, Bad Ischl und die umliegenden Berge sind eine überzuckerte Märchenlandschaft! Frau Gamsjäger holt uns ab, zu Fuß spazieren wir zur Kaiservilla. Das Tor zur herrschaftlichen Auffahrt öffnet sich exklusiv für uns wie von Zauberhand. Wohl dem, der eine Reiseleiterin mit guten Beziehungen hat. Ein Flügel der Villa wird nach wie vor von den Habsburgern bewohnt, die einst kaiserlichen Wohn- und Aufenthaltsräume dürfen wir besichtigen. Das Stiegenhaus hängt voll Jagdtrophäen, die Salons lassen den einstigen Glanz verspüren. Mehrere Wartezimmer führen zum Arbeitszimmer mit dem Schreibtisch, an dem 1914 Kaiser Franz Joseph Serbien den Krieg erklärte – der Rest ist Tragödie. Kurz vor Ende unseres Rundgangs huscht ein junger Handwerker freundlich grüßend an uns vorbei. Der habsburgische Hausherr, wie sich später herausstellt.

Draußen wartet die verschneite Landschaft, und Fahrer Frank Baumgärtner. Er fährt uns nach Hallstatt am Ufer des Hallstätter Sees. Bis wir dort ankommen, macht uns Frau Gamsjäger mit der salzigen Vergangenheit des Dorfes vertraut – und mit seiner Gegenwart. Hier herrscht in der Hochsaison „Overtourism“, und das obwohl (oder weil?) der Ort in China originalgetreu nachgebaut wurde. Jetzt ist die einzige Straße recht leer, und wir bestaunen die berühmte Kulisse, im Ohr die Geschichten von Salzabbau und Kerntragerweibern. Unter einem Sportgeschäft gilt es römische Ruinen zu entdecken, während sich der Besitzer, den wir anschließend besuchen, in einem anderen Laden der Holzdrechselei und Schnapsbrennerei widmet. Einige wenige wagen den Aufstieg zur katholischen Kirche, und werden neben wunderbaren Altären mit einem schönen Blick auf Dorf, See und Berge belohnt. Märchenhaft.

Am frühen Nachmittag sind wir zurück in Ischl: Freizeit. Während sich die einen dem Mittagsschlaf widmen, erfreuen die anderen den weihnachtlichen Kunsthandwerkermarkt und den örtlichen Einzelhandel.
Am letzten Abend erwarten uns im Hotelrestaurant kaiserliche Köstlichkeiten – Tafelspitz und Kaiserschmarrn!

Der Blick am Abreisemorgen aus dem Fenster zeigt noch mehr Schnee. Viel Schnee. Allgemeine Freude, außer beim Fahrer. Vom Hoteldirektor und -besitzer persönlich mit guten Wünschen auf den Weg geschickt, fahren wir los. Zunächst ist noch geräumt, später nicht mehr. Sicher, aber mit einer Stunde Verspätung, erreichen wir die Stille-Nacht-Kapelle in Oberndorf. Das Glück ist mit den Tüchtigen, es gibt eine Lücke in der lückenlosen Kapellenbelegung, und wir erfahren vom örtlichen Führer die Geschichte des berühmten Lieds – und singen!

Der nächste Programmpunkt, der Besuch von Maria Plain, entfällt einstimmig aufgrund der Wetterverhältnisse. Es schneit ununterbrochen, was den Verkehr nicht flüssiger macht. Für den Weg zum Mittagessen in Rohrdorf brauchen wir eine Stunde länger als geplant. Aber es lohnt sich – der Service im Hotel Post ist flott, die Portionen üppig, das Essen hervorragend (eigene Metzgerei!).

Die letzte Wegstrecke verläuft (fast) glatt – nur ein unseren Weg blockierender LKW sorgt nochmals für Spannung, aber letztendlich erreichen wir Karlsruhe wohlbehalten nur mit 20 Minuten Verspätung.